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Tania Avgustinova
Wortstellung und Klitika im Bulgarischen
Saarbrücken
Dissertations in Computational Linguistics and Language Technology,
Volume 5
(Kurzfassung)
In der Dissertation wird der Zusammenhang von
Klitika und Wortstellung im Bulgarischen untersucht. Die Dissertation
entstand aus dem Interesse an einer Sprache, die trotz ihres
vereinfachten Deklinationssystems, aber aufgrund eines gut entwickelten
Mechanismus für klitische Replizierung, über
beträchtliche Wortstellungsvarianz verfügt.
Sprachübergreifend variiert das Verhalten der Klitika von
Abhängigkeit morphologischer Affixe bis hin zu Autonomie
selbständiger syntaktischer Formen. In dieser Hinsicht sind die
bulgarischen Klitika wegen ihrer Zwischenstellung linguistisch
besonders interessant.
Die in dieser Arbeit durchgeführte
linguistische Forschung ist durch den Bedarf an einer expliziten
formalen Beschreibung der bulgarischen Konstituentenstruktur und
Wortstellung motiviert. Die formalen Fragen wurden aber in der
Dissertation mit Absicht zurückgestellt, um die Analyse für
einen möglichst breiten Leserkreis mit slawistischem Hintergrund
nachvollziehbar zu machen. Dennoch impliziert dieser Mangel von
Akzenten auf Formalisierung nicht, daß die dargestellte Theorie
nicht formalisierbar ist. Die Tatsache, daß sie in der Form eines
Parsers erfolgreich implementiert wurde, weist eindeutig darauf hin,
daß strenge Formalisierung in der Tat möglich ist. Der
erwähnte Parser liegt einem experimentellen Grammar-Checker
für das Bulgarische zugrunde.
Als theoretischer Rahmen für diese
Dissertation wurde die Head-driven Phrase Structure Grammar (HPSG)
gewählt, da diese eine multidimensionale, aber trotzdem
einheitliche Darstellung linguistischer Objekte ermöglicht. Die
Vielschichtigkeit der strukturellen Relationen im bulgarischen
Verbkomplex stellt die Angemessenheit und Allgemeingültigkeit
eines lexikalistischen Ansatzes zur Behandlung von Klitika in Frage. In
dieser Arbeit wird die Ansicht vertreten, daß die Klitisierung im
Bulgarischen eine morphosyntaktische Dimension aufweist, wobei verbale
Klitika zur Verbkomplexkonstituente gehören. In bezug auf das
lexikalische Verb und den von diesem Verb regierten Satz ist die
Verbkomplexkonstituente als eine Zwischenkonstruktion zu betrachten.
Dementsprechend basiert die durchgeführte Analyse auf einer
Variante von HPSG, die eine zusätzliche Dimension für die
Modellierung der analytischen Verbmorphologie und der Klitisierung
vorsieht. Es werden drei Typen von Objekten unterschieden:
lexikalische, morphosyntaktische und syntaktische. Der in dieser Arbeit
eingeführte Begriff der morphosyntaktischen Markierung spielt eine
zentrale Rolle in der Behandlung der analytischen Verbformen im
Bulgarischen. Aufgrund der Konstituentenstruktur und des syntaktischen
Verhaltens wird zwischen zwei Verbkomplextypen unterschieden:
einerseits kompakte Verbkomplexe, die durch strenge Nachbarschaft ihrer
Komponenten charakterisiert sind, andererseits zusammengesetzte
Verbkomplexe, die aus zwei locker zusammenhängenden, aber nicht
unbedingt adjazent stehenden Teilen bestehen. Formal wird die
Klitisierung als morphosyntaktisches Phänomen und nicht als Teil
des Lexikons aufgefaßt. Demgemäß wird die Stellung
einzelner verbaler Klitika sowie deren Sequenzen auf der Ebene der
verbalen Morphosyntax interpretiert, wo auch prosodische Restriktionen
mitwirken. Infolgedessen sind Pronominalklitika keine Konstituenten auf
der Satzebene.
Die entworfene Theorie der
Konstituentenstruktur des Bulgarischen ermöglicht eine
adäquate Darstellung der "zweiseitigen" Erscheinung von
Objektklitika, die sich weder als echte Morpheme noch als
vollständige syntaktische Konstituenten zufriedenstellend
behandeln lassen. Die Intuition hinter der hier vorgeschlagenen
Alternative besagt, daß ein gewisser Parallelismus in der
Beziehung der Verbflexion zur Subjekt-NP und des Pronominalklitikums
zur ensprechenden Objekt-NP besteht. Die Person-, Numerus- und
Genusinformation über die Subjekt-NP ist in der Verbmorphologie
vorhanden. Dieselbe Indexinformation, sowie Information über den
syntaktischen Kasus der jeweiligen vollen NP-Ergänzung, wird von
Pronominalklitika innerhalb des morphosyntaktischen Verbkomplexes
geliefert. So stellen die beide Mechanismen - der morphologische der
Verbflexion und der morphosyntaktische der Objektklitisierung -
gleichartige Ergebnisse auf der Syntaxebene zur Verfügung, die die
syntaktische Optionalität der entsprechenden NP-Konstituenten
befördern.
Mit der Zulassung der morphosyntaktischen
Konstituenz gewinnt die Sprachbeschreibung deutlich an
Erklärungsmächtigkeit und Transparenz hinsichtlich einer
Reihe von Phänomenen, die zum vagen Schnittstellenbereich zwischen
Lexikon und eigentlicher Syntax gehören. Durch das in der
Grammatik definierte morphosyntaktische Modul unterscheidet sich das
Bulgarische von den anderen slawischen Sprachen. Das veranschaulicht
augenfällig, daß in HPSG die Parametrisierung der
sprachlichen und sprachübergreifenden Varianz in der Grammatik
stattfinden kann. In diesem Sinne wäre es angemessen zu
erforschen, ob sich ein morphosyntaktisches Grammatikmodul auch in der
Beschreibung anderer Sprachen rechtfertigen läßt, die
für den lexikalistischen HPSG-Ansatz problematische Phänomene
enthalten.
Als Voraussetzung für die Diskussion
über die Rolle der Replizierung durch Klitika auf Satzebene wurde
eine Typologie bulgarischer Nomialphrasen entworfen, die allgemeine
Kriterien für die Bestimmung des Replizierungspotentials des
Nominalmaterials in dieser Sprache zurecht
legt. So kann die folgende Grundannahme formuliert werden: replizierbar
durch ein Pronominalklitikum (unter den ensprechenden
verblexem-spezifischen oder kommunikativen Bedingungen) ist nur das
Nominalmaterial, das als identifizierende spezifische Beschreibung
eines Objekts benutzt wird. Dagegen weisen die artikellosen
Nomialphrasen, die kategorisierende oder nicht-spezifische
Beschreibungen sind, sowie die Nomialphrasen mit einem Artikel, die
aber als generische oder auch als nicht-spezifische Beschreibungen
benutzt werden, kein Replizierungspotential auf.
Ein besonderer Beitrag dieser Dissertation
ist die ins Detail gehende Begründung dafür, daß das
Phänomen der klitischen Replizierung einen
kommunikationsgesteuerten syntaktischen Aspekt aufweist, der als Faktor
der Wortstellungsvarianz im bulgarischen Satz anzusehen ist. Ferner
wird argumentiert, daß die Replizierung von vollständigen
NP-Konstituenten durch Klitika zwei unterschiedliche Funktionen hat:
nämlich, Identifikation des direkten Objekts durch
Akkusativklitika und Thematisierung des durch Akkusativ- und
Dativklitika replizierten Nominalmaterials. Es wird im einzelnen
dargestellt, wie sich die lexem-spezifische Obliqueness-Anordnung
grammatischer Relationen, die recht flexible oberflächliche
Wortfolge und die unter Umständen vorhandene klitische
Replizierung bei der Informationsstrukturierung des Satzes gegenseitig
beeinflussen. Dabei wird besonders auf die Position des emphatischen
Akzents geachtet. Im entworfenen Modell kann vorhergesagt werden, wann
Replizierung durch Klitika ausgeschlossen, obligatorisch oder optional
ist.
Eine wichtige Grundeigenschaft des hier
dargestellten linguistischen Ansatzes ist seine Implementierbarkeit -
vgl. die im Anhang beigefŸgte Information zu einer HPSG-basierten
Computergrammatik für das Bulgarische. Das bereits implementierte
Fragment deckt die Morphosyntax von Verben vollständig ab, sowie
einen beträchtlichen Umfang der Replizierungsphänomene auf
Satzebene.
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