Zur Quellenlage von Edvard Griegs Cellosonate op. 36


Grieg schrieb diese Sonate im Anschluß an seine Tätigkeit als Dirigent beim Bergener Orchester der 'Musikkselskapet Harmonien', wo er von 1880 an für zwei Saisons den Stab führte. Das Orchester zählt zu den ältesten noch bestehenden Orchestern der Welt und firmiert heute international unter dem Namen Bergen Philharmonic Orchestra.1 Wahrscheinlich hatte Grieg diesen Posten aus materieller Not angenommen, denn sein nach turbulenten Osloer Jahren gewähltes inneres Halbexil am Sørfjord, dem Südausläufer des Hardangerfjordes in Südwestnorwegen, hatte zwar reiche kompositorische Früchte getragen. Doch die Anerkennung der Fachwelt war ausgeblieben: Erich Bernsdorfs Verriß des zweiten (und einzig vollendet erhaltenen) Streichquartettes op. 27 bei der Leipziger Erstaufführung durch das Heckmann-Quartett am 30. November 1878 hat in der Rezeptionsgeschichte insofern eine gewisse Berühmtheit erlangt, als sich hier in aller Schärfe eine durch keinerlei analytische Durchdringung des besprochenen Werkes gefilterte gefühlsmäßige Abneigung geltend machte, die viel zu dem Vorurteil beitrug, Grieg sei nicht in der Lage gewesen, sich in größeren Formen als der des Genrestückes auszudrücken. Jüngere Untersuchungen belegen die Haltlosigkeit solcher Sichtweisen.2
Grieg mochte nach anfänglichem Zögern bei C.F. Peters3 das
Quartett auch nicht mehr dort herausbringen und trug mit der Vergabe der Rechte an den durch seine Verdienste um die Wagner- und Nietzsche-Rezeption renommierten, aber im Vergleich zu Peters doch eher kleinen Verlag von E.W. Fritzsch in Leipzig womöglich dazu bei, daß ihm ein materieller Erfolg mit diesem Werk zunächst versagt blieb.
Indes war auch seine Arbeit bei Harmonien kein unbedingtes
Vergnügen. Griegs kompromißlose künstlerische Haltung stieß auf Widerstand bei Orchester und Chor, und als er Mitglieder des letzteren vor die Tür setzte, nachdem diese ein Ballvergnügen einer Generalprobe vorgezogen hatten, konnte er sich über mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit nicht beklagen: Die Stadt war auf Wochen hinaus mit Klatsch versorgt, und die Zeitungen nahmen ausführlich für oder wider Grieg Stellung. Dieser wiederum charakterisierte das Leben in seiner Heimatstadt als geprägt von «Schlaffheit und Materialismus», der ihn «zur Verzweiflung»4 bringe.
Als sich Gelegenheit gab, das Amt an einen jüngeren Kollegen (Iver
Holter, 1850-1941) weiterzugeben, schlug Grieg ein und machte sich umgehend wieder an die kompositorische Arbeit. Bis 1883 vollendete er neben der Sonate auch die vierhändigen Walzer Capricen op. 37 sowie die Neue lyrische Stückchen, die später als zweiter Band der Lyrischen Stücke op. 38 erschienen.
Es existieren zwei Reinschriften zur Sonate. Die Druckvorlage liegt
heute in der Pierpont Morgan Library in New York, eine autographe, nicht ganz vollständige Abschrift, 1905 für Hugo Becker angefertigt, in Bergen offentlige bibliotek. Beide Autographe weichen im Notentext in einigen Punkten voneinander ab. Alle Abweichungen betreffen das Finale.
Im Becker-Autograph fehlen die Takte 283 und 308; die im Druck
dort stehenden Klavieroktaven sind als Vorschlag zum folgenden Takt notiert. Grieg kommt damit auf eine Idee zurück, die er bei der Komposition an anderer Stelle verworfen hatte: In der Druckvorlage ist im Takt 487 desselben Satzes ein entsprechender Vorschlag ausgestrichen und als Viertelnote in den vorhergehenden Takt gesetzt worden. Als Folge mußte Grieg die eigentlich durchlaufende Sechzehntelbegleitung vor Taktschluß abbrechen.
Eine der ersten Korrektur entsprechende Variante brachte Grieg in
den Takten 185-190 an; hier handelt es sich um die Führung der Oktavbässe als Vorschläge und die durch das Freiwerden der rechten Hand mögliche zusätzliche Hochoktavierung der drei Obertöne.
In einem Punkt bringt das Becker-Autograph eine Klärung: In der
Druckvorlage ist der Takt 489 womöglich von fremder Hand verändert worden. Die Faktur der Schrift wirkt in der Korrektur steifer, die Noten sind eher kreis- als ellipsenförmig, die Vorzeichen entgegen Griegs gewöhnlicher Praxis nach links oder gar nicht geneigt, und die eckige Klammer über den Noten - so es eine sein soll - ist mit drei einzelnen Strichen statt in einem Zug gezeichnet. Die Veränderung ist weder bezüglich der Harmonik noch der stetig aufwärts weisenden Stimmführung her überzeugend. Im Becker-Autograph steht an gleicher Stelle keine Korrektur:
Es erscheint nicht recht schlüssig, daß alle diese Veränderungen
nicht in den Notenteil der Gesamtausgabe eingeflossen sind. Weder im entsprechenden Hauptband (GGA VIII) noch in den Addenda und Corrigenda (GGA XX) ist hierzu in geeignetem Maße Stellung bezogen worden, womit dem Becker Autograph die Funktion einer Fassung letzter Hand aberkannt wurde, die es - bei aller diesem terminus innewohnender Problematik - in diesem Falle zweifelsfrei hat.
Ein Grund mag sein, daß Grieg womöglich nie selbst auf eine
Korrektur gedrungen hat. Im durchaus nicht vollständig erhaltenen Briefwechsel mit dem Verlag Peters ist das Becker-Autograph nicht erwähnt, obwohl Grieg den Dedikationsträger als Solisten bei einem Konzert am 24. Mai 1906 in London nennt.5 Andererseits war Grieg, wie der Briefwechsel mit Peters zeigt, ein ausgesprochen schlechter Korrekturleser. Insofern war die Entscheidung des Herausgeberkomitées der Gesamtausgabe, für die vor 1907 erschienenen Werke in aller Regel den letzten unter Griegs Aufsicht vorgenommenen Druck als Primärquelle heranzuziehen, nicht unproblematisch.6
Beide Autographe machen den Eindruck einer flüchtigen Arbeit.
Die unterschiedlichen Spielweisen des tenuto Striches (mit oder ohne einfassenden Bogen) und der portato Punkte unter Bogen scheinen Grieg relativ gleichgültig gewesen zu sein, denn man trifft sie an entsprechenden Stellen in unterschiedlicher Setzung, hie und da gar abweichend zwischen Solostimme und Solo in der Klavierpartitur. Die Herausgeber von GGA VIII machten im Revisionsbericht bereits auf die inkonsequente Artikulation im damals einzig vorliegenden Becker-Autograph aufmerksam.
In der folgenden Zusammenschau werden Abweichungen innerhalb
der Druckvorlage aufgelistet und, wo nötig, zum Druck der Sonate in GGA VIII in Beziehung gesetzt.7
Legende: MsC = Cellosolostimme, MsP = Pianopartitur
Takt Instr. Bemerkung
1. Satz
10  Vc  In MsC Punkte
23  Vc  In MsC fehlt sempre
24  Vc  Der in GGA monierte fehlende Bogen gis - a steht in MsC
36-40 Vc  In MsC keine Punkte
*44  beide  In allen Stimmen molto più mosso zunächst rasiert und in più mosso verändert; später molto wieder ergänzt, jedoch nur in der Solostimme von MsP
50-51  beide  In den Mss kein dim.
*60  beide  In den Mss kein molto, nur più tranquillo
78  beide  In den Mss cresc. bereits ab Takt 77
80-81  beide  cresc. molto nur in MsC
82-83  Vc  Akzent nicht in MsC
84  beide  In beiden Mss pp
85, 87  Vc  dim. nur in MsC
90-91  Vc  cresc./dim. nur in MsC
93  Vc  dim. nur in MsC
94  beide  In MsP cresc. in beiden Stimmen von Taktbeginn, in MsC keinerlei Dynamik
98-99, 101-102  Vc  In MsC cresc./dim. nur in Takt 98 resp. 101
104  Vc  In beiden Mss kein pp
*112-114  beide  In MsC cresc. e poco stretto, in MsP poco a poco stretto für Vc, poco a poco cresc. e poco stretto für Pf
122-123  beide  In beiden Mss cresc. erst in Takt 123
124  Vc  dolce nur in MsC
126-127  Vc  Dynamische Bezeichnung nicht in MsC
138  Vc  Akzent nicht in MsC
144  Pf  Im Ms kein con fuoco
153  Vc  Striche nur in MsC
155  Vc  ff nur in MsC
162-163  Vc  Beide dim. in MsP rasiert, in MsC stehengelassen
163  Pf  Im Ms dim. erst ab Taktmitte
167-168  Pf  In GGA cresc./dim. versehentlich über statt unter den Baßnoten
170  Vc  In MsC kein molto
173, 175  Vc  In beiden Mss cresc. um ein Viertel weiter versetzt
177-180  Vc  In MsC Dynamik wie in der gedruckten Version, in MsP in Takt 178 cresc.und ein womöglich nicht von Griegs Hand gestrichenes dim., kein cresc. in Takt 179, dim. von Takt 179 (b) nach 180, bis h ebenfalls ausgestrichen (von Grieg selbst ?); vgl. Dynamik in Pf
188  Vc  In beiden Mss kein molto
189  Vc  In MsC f sempre statt ff
192-196  Vc  Cresc. nur in MsC
199  Vc  In beiden Mss kein Punkt unter e-is'
201  Vc  In MsC Punkt unter beiden Tönen, in MsP nur Bogen
203  Vc  In MsC Punkt unter beiden Tönen
206  Vc  con fuoco nur in MsC
214  Vc  In MsC keine Akzente
*222-223  Vc  In MsC restez mit folgender unterbrochener Linie bis zum fünften Ton der Kadenz
*223  Vc  In GGA stretto molto in Zusammenhang mit pesante gedruckt. Ersteres beginnt jedoch erst bei c''. Akzente nur in MsC
232  Vc  Sempre pp nur in MsC
240-250  Vc  In MsP durchgehend Punkte statt Striche, in MsC nur in Takt 241, 245 und 248
252  Pf  Im Ms womöglich irrtümlich c zwischen es''' und es.
256  Vc  In MsC ff
271-272  Vc  In beiden Mss keine Punkte
274  beide  In beiden Mss kein molto
276  Vc  Punkte nur in MsC
280-285  Vc  Punkte nur in MsC
*285  Vc  In GGA kein Punkt unter H (Druckfehler)
*295  Vc  In MsC cantabile statt dolce
305  beide  In beiden Mss kein dim.
306  beide  In beiden Mss cresc.
308  Vc  cresc. nur in MsC
310  beide  In beiden Mss kein cresc. molto
313  Vc  cresc. nur in MsC
314, 318, 322, 324  Vc  In beiden Mss cresc. jeweils um ein Viertel weiter versetzt (vgl. Takt 173 u. 175)
320  Pf  Im Ms dim. um ein Triolenviertel weiter versetzt
320-321  Vc  In MsP nur dim., jedoch schon ab e
328, 332  Vc  In beiden Mss dim. nur bis zur Taktmitte
342-343  Vc  In MsC cresc. e poco stretto
352-353  Vc  In beiden Mss cresc. nur in Takt 353
Pf  Im Ms cresc. erst vom zweiten Viertel in Takt 353
364  Vc  In MsC cresc. poco a poco bereits ab Takt 363
382  Pf  Im Ms bis zum ersten c' irrtümlich Achtel
391  beide  In beiden Mss urspr. Presto e stretto
*394-402  beide  Molto in Takt 394 u. 397 im Pf gar nicht, an den übrigen Stellen in beiden Mss als Ergänzung, die im Schriftzug Zweifel an Griegs Urheberschaft aufkommen läßt
409-418  Vc  In MsC kein cresc.
415  Pf  Im Ms cresc. um ein Viertel vorgezogen
423,425  beide  In beiden Mss kein ben tenuto
2. Satz
10  Vc  In MsC cresc. ab Taktbeginn, dim. nur für das letzte c'
16  Vc  In MsC kein dim.
20  Vc  In beiden Mss kein Akzent
25  Vc  In MsC kein Akzent
27  Vc  In MsC Punkte statt Striche
34  Pf  Im Ms keine Akzente
34, 39  Vc  In MsC keine Akzente
44  Vc  In MsC poco rit. vom letzten d' in Takt 43
45  Vc  In MsC kein pesante
46  Vc  In MsC keine Akzente
48  Vc  In MsC keine Akzente über a' und b'
56  Vc  In MsC cresc. e stretto erst ab Takt 57
62  Vc  In MsC ausgeschriebenes rit. von Takt 62 bis unmittelbar vor Takt 64
*68  Vc  In beiden Mss sul C, in MsC zusätzlich flageolett über c
70  Vc  In MsC dim e più tenuto
3. Satz
Vc  In MsP cresc. in Takt 4
8-11  Vc  In MsC dim. Takt 8-10, in MsP Takt 7-9
28-30  Vc  Punkte ab e' nur in MsC
42, 46  Vc  cresc. nicht in MsC
45  Vc  f nur in MsC
56  Vc  Akzent unter d' nicht in MsC
56-60  Vc  Akzente auf dem jeweils ersten Viertel nur in MsC
61-66  Pf  Akzente nicht im Ms außer zu e e' und e dis'
64-70  Vc  Akzidentien in MsP unvollständig
97  Vc  In beiden Mss keine Akzidentien
103-105  Pf  Im Ms kein cresc. mit folgendem f
111-115  Vc  cresc. nur in MsC
*117-118  Vc  In MsC Bogen ausgestrichen und nur bis d' nachgezogen (vgl. Takt 613-615)
119-140  Pf  Im Ms außer den Bögen in der rechten Hand nur Striche in Takt 126, 130 u. 134, jedoch nicht in Takt 122
151, 159, 163, 171  Vc  Keine Phrasierung in beiden Mss
153, 155, 160, 161, 167  Vc  Kein Strich in beiden Mss
168, 172, 175  Vc  Kein Strich in MsC
180  Vc  In MsP Striche über den Achteln
184  Vc  Striche über den Achteln nicht in MsC
188-189  Vc  In MsC cresc. in Takt 190
195  Vc  In MsC cresc. vom letzten Taktviertel bis as in Takt 196
215-218 Vc  In MsC kein fz
219  Vc  In MsC kein Akzent
220, 222  Vc  In MsC keine Punkte
223,231  Vc  In MsC keinerlei Artikulation
248-250, 252-254, 259-261  Pf  Im Ms keine Akzente
261-262  Pf  Im Ms kein cresc.
264  Vc  In beiden Mss largamente statt tenuto
*273, 275  Vc  In MsP nur Akzent auf der jeweils ersten Note
292-299, 304-306  Pf  Im Ms keine Akzente (vgl. Takt 248ff.)
306-307  Pf  Im Ms kein cresc. (vgl. Takt 261-262)
309  Vc  In beiden Mss kein tenuto
312-314  Vc  In MsP kein cresc., nur fz und stretto, in MsC wie im Druck
329, 333  Vc  In MsC kein cresc.
*331-334, 345-348  Pf  Im Ms jeweils durchgehende Bögen, offenbar vom Lektor umgelegt und nur mangelhaft als miteinander verbunden gekennzeichnet
*369  beide  In beiden Mss kein nicht eilen, stattdessen ein ausgestrichenes, jedoch ins Becker Autograph übernommenes cresc. poco a poco
382  Vc  In beiden Mss kein f
392-396  Vc  In MsC keine Akzidentien auf den Akkorden
413  beide  con fuoco nur in MsC
427  Vc  fz nicht in MsC
441-459  Vc  In MsP keine Punkte, in MsC erst ab Takt 443
470-471  Vc  In MsC cresc. nur in Takt 470
475-478  Vc  Bogen nur in MsC, in MsP gestrichen (!)
482  Vc  Artikulation nur in MsC
*489  Pf  Im Ms von fremder Hand verändert (vgl. Abb. im Haupttext)
492-494  Vc  In MsC Bogen gestrichen
507-509  Vc  In MsC kein dim.
520-522  Vc  Ab e' sämtliche Punkte nur in MsC
523  Vc  In beiden Mss keine Punkte
524-527  Pf  Im Ms keine Punkte
527  Pf  Im Ms Doppelgriff e'/e'' rechts
538  Vc  p nur in MsC
539, 543  Vc  In MsC kein cresc.
552  Vc  marcato nicht in MsC
552-553  Pf  Im Ms keine Bögen rechts, keine Akzente links
554-555  Pf  Im Ms keine Bögen rechts, Akzente links nur auf dem jeweils ersten Ton
556-557  Pf  Im Ms Bögen rechts, Akzente wie Takt 554-555
557-559  Vc  In MsP Akzent nur auf d'
561, 563  Vc  Punkte nur in MsC
*612-615  Vc  Bogen c-E in beiden Mss in zwei Bögen c-e' und c'-h(!) verbessert (vgl. Takt 117-118)
646-647  Pf  Im Ms Bogen h-h, nicht h-c'''; Schreibfehler Griegs oder Variante ? Vgl. auch Takt 149
648, 652, 654, 662  Vc  Kein Punkt in MsC
650  Vc  Zusätzlicher Strich in MsC
656, 663, 664, 672, 682  Vc  Kein zusätzlicher Strich in MsC, jedoch in MsP
664-666  Pf  Im Ms kein Haltebogen links
668, 674  Vc  Keine Artikulation zu erstem Viertel in MsC
681  Vc  In MsC keine Striche
692-693  Vc  In MsC cresc. unter der Triole
708  Vc  In MsC kein fz
720  beide  In keinem der Mss Punkte und Akzente
728  Vc  sempre ff nicht in MsC
738  Vc  Punkt nicht in MsC
776-782  Vc  In MsP kein fz; in MsC die Akzente in Takt 776-780 in fz korrigiert, in Takt 782 Akzent und fz
806-807  Vc  Unglückliche Schreibweise in beiden Mss und im Druck; sinnvoller ist eine Aufteilung der achtzehn Sechzehntel in zwei Gruppen zu je neun, damit der Klavierakkord in Takt 807 unter dem Ton zu stehen kommt, zu dem er gehört (c).
818  Vc  Urspr. rit. in MsP; so auch in MsC
Angaben betreffend das Dämpferpedal (una corda, tre corde) finden sich sämtlich nicht in MsP.
Man mag einwenden, daß es hier fast nur um Akzidentien gehe, deren
Befolgung oder Nichtbefolgung die Struktur des Werkes nicht berühre.8 Dazu ist zu sagen, daß der nachlässige Umgang mit Akzidentien in den Autographen die Wissenschaft nicht ihrer Verantwortung enthebt. Gerade in einem solchen Fall zeigt sich, ob die Editionsrichtlinien der Ausgabe greifen.
Auch muß hervorgehoben werden, daß der Umgang mit Akzidentien die
Annäherung des Interpreten an das Werk prägt. Die Frage detaché, martellé oder staccato ist für einen Streicher von fundamentaler technischer Bedeutung, auch wenn sie seinem akademischen Kollegen möglicherweise als zu vernachlässigende Größe erscheint. Es ist kaum möglich, Instrumentalisten zur interpretierenden Aneignung einer Komposition auf Grundlage einer wissenschaftlich kritischen Ausgabe aufzurufen, wenn in der Frage der Aufbereitung der Quellen nicht den Akzidentien dieselbe strenge philologische Kritik zuteil würde wie dem Notentext. Es ist irrig zu glauben, Analyse und Interpretation könne von Akzidentien absehen. Gerade bei der angedeuteten Problematik in des Komponisten eigener Redaktion seines Werkes wird man nicht umhinkommen, eine Gesamtausgabe unter Eingehen auf diesen Fragenkreis zu gestalten.
Eine Neuausgabe von Edvard Griegs Cellosonate scheint also geboten.
Vielleicht könnte eine solche auch mit einem Umstand aufräumen, der die Lesbarkeit der bisherigen Editionen unnötig erschwert: Grieg benutzte ausschließlich Violin- und Baßschlüssel für die Notation der Solostimme, und dies nicht immer in geglückter Ablösung. Merkwürdigerweise hatte Peters seinerzeit offenbar keine Einwände. Ein kundiger Interpret könnte, entsprechend beauftragt, mit der Einführung des üblichen Tenorschlüssels Abhilfe schaffen.
Literatur:

Benestad, F. & Schjelderup-Ebbe, D.: Edvard Grieg - Chamber Music: Nationalism, Universality, Individuality, Oslo & Oxford 1993

Erdahl, Rolf C.: Edvard Grieg's Sonatas for Stringed Instrument and Piano - Performance Implications of the Primary Source Materials, Diss. Baltimore 1994

Die Gratulanten kommen - Edvard Grieg zum 150. Geburtstag (Deutsche Hochschulschriften Bd. 814), hrsg. von Mogens Christensen [et al.], Egelsbach & St. Peter Port (UK) 1993

Grieg, Edvard: Briefwechsel mit dem Musikverlag C.F. Peters 1863-1907, hrsg. von Finn Benestad und Hella Brock, Frankfurt/Main 1997

Hurum, Hans J.: Vennskap - Edvard Grieg og Frants Beyer i lys av glemte brev, Oslo 1989

Kortsen, Bjarne: Zur Genesis von Edvard Griegs g-Moll Streichquartett Op. 27, Berlin (West) 1967

ders.: Artikel Bergen, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2., neubearb. Ausg., hrsg. von Ludwig Finscher, Sachteil Bd. 1, Kassel 1994, Sp. 1408-1411

Krummacher, Friedhelm: Rezeptionsgeschichte in der Musikwissenschaft - Möglichkeiten und Grenzen im Rückblick, in: Kongreßbericht Oslo (Skriftserie fra Institutt for musikk og teater ved Universitetet i Oslo), 1992, S. 213-230

Oelmann, Klaus H.: Edvard Grieg als Streichquartettkomponist (Musikwissenschaft/Musikpädagogik in der Blauen Eule Bd. 11), Essen 1992

ders.: Edvard Grieg - Versuch einer Orientierung (Deutsche Hochschulschriften Bd. 485), Egelsbach & St. Peter Port (UK) 1993

Schauffler, Robert H.: The Unknown Brahms, New York 1933, Reprint Westport/Conn. 1972


1 Über das Musikleben in Bergen zur damaligen und heutigen Zeit orientiert der entsprechende Artikel Bjarne Kortsens im neuen MGG, Sachteil Bd. 1 (1994), Sp. 1408-1411.[Zurück zum Text]

2 Siehe Benestad, F. & Schjelderup-Ebbe, D.: Edvard Grieg - Chamber Music: Nationalism, Universality, Individuality, Oslo 1993; Kortsen, Bjarne: Zur Genesis von Edvard Griegs g-Moll Streichquartett, Op. 27, Berlin (West) 1967; Oelmann, Klaus H.: Edvard Grieg als Streichquartettkomponist (Musikwissenschaft/Musikpädagogik in der Blauen Eule Bd. 11), Essen 1992, vgl. auch Krummacher, Friedhelm: Rezeptionsgeschichte in der Musikwissenschaft - Möglichkeiten und Grenzen im Rückblick, in: Kongreßbericht Oslo (Skriftserie fra Institutt for musikk og teater ved Universitetet i Oslo), 1992, S. 213-230.[Zurück zum Text]

3 Siehe Grieg, Edvard: Briefwechsel mit dem Musikverlag C.F. Peters 1863-1907, hrsg. von Finn Benestad und Hella Brock, Frankfurt/Main 1997, S. 65; vgl. auch Robert Heckmanns Briefe an Grieg in Kortsen: Genesis... op.cit. S. 75-79.[Zurück zum Text]

4 Hurum, Hans J.: Vennskap - Edvard Grieg og Frants Beyer i lys av glemte brev, Oslo 1989, S. 138 («... den fortvilende slapphet og materialisme...»).[Zurück zum Text]

5Peters-Briefwechsel op.cit. S. 600.[Zurück zum Text]

6 Vgl. auch Erdahl, Rolf C.: Edvard Grieg¹s Sonatas for Stringed Instrument and Piano - Performance Implications of the Primary Source Materials, Diss. Baltimore 1994, S. 96-137 u. 274-325.[Zurück zum Text]

7 Zu den mit * bezeichneten Anmerkungen siehe auch Materialien zur Grieg Gesamtausgabe, in Die Gratulanten kommen - Edvard Grieg zum 150. Geburtstag (Deutsche Hochschulschriften Bd. 814), hrsg. von Mogens Christensen [et al.], Egelsbach 1993, S. 93-136.[Zurück zum Text]

8 Dem Verfasser gegenüber wurde in einer mündlichen Diskussion etwa das Problem der Bogensetzung im Finale in den Takten 117-118, 331-334, 345-348 und 612-615 als «petitesse» gewertet.[Zurück zum Text]
 


© by Klaus Henning Oelmann 2000.

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