"KlangArt-Kongreß: Musik im virtuellen Raum"


Vom 4. - 7. Juni fand in Osnabrück zum vierten mal die KlangArt Biennale, bestehend aus dem KlangArt-Kongreß Neue Musiktechnologie, dem KlangArt-Festival und der Fachaustellung MusiTec, statt. Zielsetzung der im Zweijahresrhythmus in Kooperation der Stadt Osnabrück und der Universität Osnabrück stattfindenden KlangArt ist seit ihrem Bestehen 1991 die wissenschaftliche, künstlerisch-kreative und technische Auseinandersetzung mit neuen elektronischen Musiktechnologien. Renomierte in- und ausländische Künstler und Wissenschaftler boten in Vorträgen, Konzerten, Ausstellungen, Workshops und Installationen dem Fachpublikum und der breiten Öffentlichkeit ein multimediales Gesamtkonzept welches in seiner spannungsreichen Wechselwirkung zwischen Musik, Technik und Kunst Anregung und Einblick in den wissenschaftlichen, künstlerischen und pädagogischen Umgang mit diesen neuen technologischen Entwicklungen ermöglichte.

Thematischer Schwerpunkt des diesjährigen KlangArt-Kongresses war die "Musik im virtuellen Raum", insbesondere die sich mit dem Medium Internet bietenden neuen Darstellungs- und Arbeitsräume. Im Rahmen der über 40 Vorträge, Seminare und Papersessions wurden aktuelle Begriffe wie multimediale Interaktionssysteme, Internet im Kontrast zu herkömmlichen Medien wie Rundfunk und Fernsehn, computerbasierte Analyse- und Lernmethoden, digitale Archiv- und Datenbanksysteme diskutiert und im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz evaluiert.

Während sich die einführenden Vorträge von Helmut Rösing (Musik und digitale Medien) und Jobst-Peter Fricke (Die Systemische Musikwissenschaft als eine Konsequenz der Digitalisierung und Globalisierung des Wissens) mit der zunehmenden Digitalisierung und Globalisierung der Medien im gesellschaftlichen Kontext befassten, zeigte sich vor allem an den verschiedenen Vorträgen zum Thema Internet, daß die Ressourcen des World Wide Web zukünftig neue Perspektiven der künstlerischen und wissenschaftlichen Kommunikation eröffnen, Möglichkeiten die zum jetzigen Zeitpunkt erst ansatzweise ausgeschöpft werden. Christine Flender stellte in einer aktuellen Studie zur Präsentation der Musikorganisationen im Internet erste Ergebnisse der stichprobenartigen Untersuchung vor. Vorträge von Peer Sitter (Partituren im Netz), Johannes Palme/Arne Ohlsen (Elektronisches Buch für Geisteswissenschaftler auf der Basis von SMGL) oder Niels Knolle (Die multimediale Welt am Beispiel musikalischer Objekte) erörterten die Möglichkeiten und Probleme des elektronischen Publizierens von Musik im Internet (Partituren, Soundfiles, Midi-files, Texte, Bilder) und lieferten einen facettenartigen Einblick in die verschiedenen Darstellungsformate und Nutzungsmöglichkeiten seitens der Musikverlage, Musiker und Wissenschaftler. Unter dem Stichwort "Telelearning" lassen sich die in den Vorträgen von Bernd Enders (Musik im Internet - Erfahrungen mit einem virtuellen Musikseminar im WS '96/97) und Tillman Weyde/Martin Gieseking (Computer- und Internet-basiertes Lernen) zukunftsorientierten Lern- und Lehrmethoden einordnen. Der im WS '96/97 an der Universität Osnabrück erstmals gestartete Versuch ein virtuelles musikwissenschaftliches Seminar im Internet durchzuführen zeigte ermutigende Ergebnisse und liefert Perspektiven zur künftigen Umstrukturierung des universitären und schulischen Bildungssystems, eine Notwendigkeit, die sich auch aus den Ergebnissen des Vortrages von Jochen Roth zur aktuellen Bestandsaufnahme des Computereinsatzes im Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen schlußfolgern läßt. Das Internet bietet für traditionelle Medien wie z.B. das Radio neue innovative Präsenationsmöglichkeiten, so der Vortrag von Thomas Münch/Christof Barth (Medienübergänge: Radio im Internet), und bietet dem Hörer im Gegensatz zu den veralteten Sendestrukturen einen zeitgemässen individuellen Zugriff auf internationale Sendebeiträge. Mit der daraus resultierenden Krise des "alten Radios" befasste sich thesenartig der Beitrag von Hans-Christian Schmidt. Neben einigen thematischen Anknüpfungen an den Kongreß von 1995, so z.B. die Vorträge von Joachim Stange-Elbe (Computerunterstützte Musikanalyse und Interpretation mit RUBATO) oder Peter Castine (Interaktives Musizieren mit MAX) und der praktischen Realisierung durch Karlheinz Essl in seinen Realtime Kompositionen Lexikon-Sonate (1992 ff.) und Amazing Maze (1996 ff.), gab es auf dem Gebiet der computerbasierten Analysemethodik einige interessante Vorträge, so bspw. von Michael Kiczka-Ries (Computerbasierte Film(musik)analyse), Emil H. Lubej (Computerunterstützte Klanganalysen in der Musikwissenschaft), Ewa Dahlig/Ulrich Franzke (Melodieanalysen in Musikdatenbanken), Albrecht Schneider (Virtual pitch phenomena and musical instruments acoustics), Claudia Maria Zey (Die visuelle Darstellbarkeit elektronischer Kompositionen) oder Dominik Hörnel (Computergestützte Musikanalyse/komposition mit künstlichen neuronalen Netzen), Vorträge die sich zukunftsweisend auf der Basis neuer technologischer Entwicklungen mit der Analyse traditioneller oder elektronischer Kompositionen beschäftigten. Herausragende multimediale Ereignisse waren u.a. die Vorträge von Markus Heuger/Christoph Reuter mit ihrem Star Treck-Vortrag, Bernhard Wagner mit der Vorstellung des objektorientierten Multimedia Application Framework MET++ oder Sabine Schäfer (TopoPhonien). Im Rahmen der ab Oktober für die breite Öffentlichkeit zugänglichen Mediathek des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe) stellte Thomas Gerwin das seit 1990 im Aufbau befindliche internationale digitale elektroakustische Musikarchiv IDEAMA mit einem bereits existierenden Bestand von ca. 800 Titeln vor. Zusammen mit dem KlangArt-Festival als künstlerischem Pedant und spektakulären Klangkonzepten wie z.B. der Klangfahrt und der Ausstellung MusiTec mit einer Vielzahl interessanter erleb- und begehbarer Klanginstallationen bot die diesjährige KlangArt Biennale einen facettenreichen Einblick in derzeitige künstlerische und wissenschaftliche Projekte. Nähere Informationen sowie Programminhalte können unter der folgenden URL abgerufen werden: http://www.musik.uni-osnabrück.de/veranstaltungen/klangart.

Claudia Maria Zey

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