Die digitale spektrographisch basierte Visualisierung und Analyse der elektronischen Musik Gottfried Michael Koenigs am Beispiel der Komposition ESSAY - Komposition für elektronische Klänge (1957)"

Im Rahmen des vorliegenden Vortrages soll die digitale spektrographisch basierte Visualisierung und Analyse elektronischer Musik mittels des Kay Elemetrics Computerized Speech Lab (CSLTM) vorgestellt werden.

Mit der kompositionstechnischen Entwicklung der elektronischen Musik stellt sich zwangsläufig die Frage nach einer den unendlichen Variationsmöglichkeiten der akustischen Eigenschaften - Tonhöhe, Dauer, Amplitude und Klangqualität - adäquaten Notationsform, da sich weder die für traditionelle Musik verwendete Notenschrift noch andere graphisch-symbolische Darstellungen zur Wiedergabe der strukturellen und klangsynthetischen Vielfältigkeit elektronischer Kompositionen als geeignet herausstellten. Die akustische Notation mittels des Spektrogramms hingegen, als durch den Mitinitiator elektronischer Musik Werner Meyer-Eppler bedingte, konsequente und bereits 1956 von Stockhausen (vgl. Partitur "Studie II") erstmals ansatzweise demonstrierte sprachanalytische Entlehnung, ist eine dem elektronischen Klang als akustisches Phänomen gerecht werdende Visualisierung elektronischer Kompositionen und ermöglicht demzufolge einen analytischen Zugang, der über eine wahrnehmungsorientierte auditive Analyse primär vorliegender Quellen - Tonband oder Schallplatte - hinausreicht.

Ausgangspunkt der Beschäftigung mit elektronischer Musik war die Überlegung ein derart flexibles Computersystem zu finden, welches auf der Basis eines einheitlichen Darstellungssystems sowohl die kompositionsspezifische Visualisierung komplexer elektronischer Kompositionen als auch deren Analyse gewährleistet, da eine Visualisierung ohne kompatible Segmentierungsmöglichkeit einzelner Klangereignisse verbunden mit deren auditiver Wiedergabe weder ökonomisch noch sinnvoll erscheint. Am Beispiel Gottfried Michael Koenigs ESSAY, Komposition für elektronische Klänge (1957)(1) soll die digitale spektrographisch basierte Visualisierung und Analyse demonstriert werden. Da die von Koenig verwendete deskriptive Darstellung zwar sukzessiv den Kompositionsprozeß beschreibt und durch Verdeutlichung der klangsynthetischen sowie strukturellen Zusammensetzung und studiotechnischen Realisation die Reproduktion der Komposition ermöglicht(2), aber das akustische Endprodukt (die auf Tonträger vorliegende Komposition) eine Überlagerung aller Arbeitsprozesse ist, benötigt man die spektrographisch basierte akustische Partitur, um das resultierende Ergebnis dieser simultanen Abläufe optisch zu verdeutlichen, da eine graphische Hörpartitur zwangsläufig an der Komplexität dieser Komposition scheitern muß(3). Die akustische Partitur dient somit als Bindeglied zwischen "purem Rezept"(4) und bloßem wahrnehmungsorientiertem Höreindruck.

Duales Ziel des Forschungsprojektes ist zum einen die akustische Partiturfassung aller Kompositionen des elektronischen Kompositionskomplexes Gottfried Michael Koenigs, zum anderen deren jeweilige computerbasierte Analyse.


(1) ESSAY wurde realisiert im Studio für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks in Köln; Uraufführung im Kölner Sender am 25.3.1958; Partitur erschienen bei Universal Edition A.G. Wien, 1960; es gehört zu Koenigs "Kölner Periode" (1954-1964), in der er sich intensiv mit den Möglichkeiten der elektronischen Klangproduktion beschäftigte, dazu gehören auch Werke wie Klangfiguren I u. II (1955 - 56) und Terminus I (1962), dem zugleich letzten elektronischen Werk dieser Art: "Meine letzte elektronische Komposition in Köln trug den Titel Teminus; nicht etwa, weil ich schon das Ende der Kölner Periode kommen sah, sondern weil ich nach vielfältigen Versuchen (vor allem im ESSAY ) beschlossen hatte mit den Mitteln des "klassischen" Studios keine weiteren Versuche zu unternehmen, den kontinuierlichen Klang selbst zu realisieren [ein Charakteristikum für ESSAY, da Koenig nicht den Einzelklang, sondern jeweils ein Ausgangsmaterial insgesamt elektronisch moduliert (transformiert)] anstelle einer Zusammenfügung von Einzelklängen, die als einzelne produziert werden können"(Koenig, 1993, S. 185 u. 263). [Zurück zum Text]

(2) Eine solche computerbasierte Neuaufnahme wurde laut G.M. Koenig (Mail vom 28.5.97) 1996 in Venedig am Konservatorium "B. Marcello" im Rahmen eines länger andauernden Produktionsprozesses, den Koenig beratend unterstützte, ihm allerdings nicht beiwohnte, von Massimo Marchi einem Schüler von Alvise Vidolin realisiert. [Zurück zum Text]

(3) Eine von Karkoschka (1971) angekündigte explizite graphische Hörpartitur des ESSAY durch Manfred Deffner wurde laut Aussage Koenigs (Mail vom 28.5.97) nicht realisiert. Deffners ("Gottfried Michael Koenig, Essay 1967. Grundlagen für eine Hörpartitur" Zulassungsarbeit zum Staatsexamen, Musikhochschule, Stuttgart 1969/70) Ansatz beschränkt sich lediglich in der Erörterung der Bedingungen zur Erstellung einer Hörpartitur. [Zurück zum Text]

(4) Vgl. dazu: Ligeti, G. (1965): "Neue Notation - Kommunikationsmittel oder Selbstzweck?", in: Thomas, Ernst: Notation Neuer Musik, Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik, Bd. 9, Mainz (Schott), S. 43. [Zurück zum Text]

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