Bericht des Saarländischen Rundfunks
über das
Saarbrücker Graduiertenkolleg Kognitionswissenschaft
auf SR2
am 31.7.95, 18:07 - 18:15.
- Sprecherin:
-
... Im Team wird ebenfalls in sogenannten Graduiertenkollegs gearbeitet.
Auch hier ist Teamarbeit unerläßlich, viele Professoren aber auch
Doktoranden teilen diese Meinung. Thomas Biemesdörfer berichtet, was
sich hinter dem Graduiertenkolleg Kognitionswissenschaft verbirgt.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Manch einer ist berufen, aber nur wenige werden ausgewählt. Rund 30
junge Wissenschaftler arbeiten zur Zeit am Graduiertenkolleg
Kognitionswissenschaften der Saar-Universität. Fünfmal soviele haben
angefragt. Die 28jährige Holländerin Anne-Marie Mineur gehört zu den
glücklichen, die das strenge Auswahlverfahren überstehen konnten.
- Anne-Marie Mineur:
-
Erstmal wollte ich ins Ausland, ich meine, ich bin in Holland
ausgebildet worden, und das ist zwar interessant, aber trotzdem möchte
ich doch mal weitergucken. Zweitens ist dieses Institut weltweit sehr
gut, hat einen sehr guten Ruf, also von daher ist Saarbrücken ein sehr
guter Ort, um weiter zu studieren.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Graduiertenkollegs gibt es an deutschen Hochschulen seit Ende der 80er
Jahre. Die Idee kam aus Amerika. Dort heißen sie ``Centers of
Excellence'', frei übersetzt ``Zentren herausragender Wissenschaft''.
Der Saarbrücker Computerlinguist Professor Hans Uszkoreit erklärt, was
sich hinter dem Begriff Graduiertenkolleg noch so verbirgt.
- Hans Uszkoreit:
-
Diese Graduiertenkollegs geben uns eine wunderbare Möglichkeit, die
Doktoranden, die sonst vereinzelt, nur von ihren Doktorvätern betreut,
vor sich hin forschen würden, nochmal in einen interdisziplinären
Ausbildungszusammenhang zu bringen, in dem sie auch über ihr eigenes
Fachgebiet noch neue Inhalte aufnehmen können.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Das Zauberwort der Graduiertenkollegs heißt also Interdisziplinarität,
fächerübergreifendes Lernen und Forschen. Alle Teilnehmer haben bereits
einen wissenschaftlichen Abschluß in der Tasche, in der Regel ein
herausragendes Diplom, und basteln nun mit Hilfe von sieben Betreuern
aus verschiedenen Disziplinen an ihrer Doktorarbeit. Die Studenten
profitieren dabei von der herausragenden Ausbildung, die Universität
sammelt neue wissenschaftliche Erkenntnisse.
- Hans Uszkoreit:
-
Ganz gewiß hat die Forschung etwas davon. Man muß sich das ja so
vorstellen, daß der Doktorand zur Zeit, in der er seine Dissertation
schreibt, wahrscheinlich der Spezialist auf der Welt zu diesem
Fachgebiet ist, und dieser Gefahr der zu starken Spezialisierung und des
nicht über den Tellerrand hinausgucken wird durch diesen
interdisziplinären Zusammenhang in dem Graduiertenkolleg begegnet.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Die Universität des Saarlandes kann zur Zeit zwei Graduiertenkollegs
anbieten. Beide werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
finanziert. Das eine beschäftigt sich mit Fragen der Informatik.
Psychologieprofessor Johannes Engelkamp erklärt, womit sich die
Kognitionswissenschaftler auseinandersetzen.
- Johannes Engelkamp:
-
Kognitionswissenschaften ist eine Anzahl verschiedener Wissenschaften,
die unter diesem Begriff zusammengefaßt werden, und die Kognitive
Psychologie ist eine unter diesen Wissenschaften. Die Künstliche
Intelligenz, Computerlinguistik und Philosophie sind andere. Das
gemeinsame ist eigentlich die Erforschung intelligenter oder kognitiver
Leistungen.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Der Mensch und seine Wahrnehmung, sein Denken und Sprechen stehen also
im Mittelpunkt der Arbeit am Saarbrücker Graduiertenkolleg
Kognitionswissenschaften. Die Studenten und Professoren kämpfen da mit
auf den ersten Blick recht einfachen Fragen.
- Johannes Engelkamp:
-
Der Laie wird zunächst einmal an komplexe Leistungen des Problemlösens
denken, beispielsweise wenn jemand seinen Sommerurlaub plant. Aber es
sind auch ganz einfache Leistungen, wie die Wahrnehmung eines Baumes als
Birke oder die Wahrnehmung eines Raumes und die Entdeckung eines
Gegenstandes, den man sucht in dem Raum. Dieses sind ebenfalls
intelligente Leistungen, denen wir in der Kognitionswissenschaft
nachgehen.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Das Problem dabei: das menschliche Gehirn läßt sich bei diesen
intelligenten Leistungen nicht so mir nichts dir nichts in die Karten
schauen. Deshalb greifen die Kognitionswissenschaftler auf Computer
zurück. Die Idee dahinter: maschinelle Denkmaschinen simulieren die
Vorgänge im menschlichen Bewußtsein. Kleiner Vorteil am Rande dieser
Modellbildung: die Kognitionswissenschaftler entwickeln praktische
Software-Programme, z.B. Moses. Professor Uszkoreit sagt, was es damit
auf sich hat.
- Hans Uszkoreit:
-
Es geht dort um die sogenannte multimodale Kommunikation, und darin
wieder um Wegbeschreibungen. Um zu zeigen, welche praktischen
Anwendungen eine solche Forschung haben kann, möchte ich hier erwähnen,
daß im Zusammenhang mit dieser Arbeit ein dreidimensionales Modell
unseres Campus implementiert wurde, d.h. auf dem Computer eingegeben,
und daß es jetzt möglich ist, mit Hilfe bestimmter Wegbeschreibungen und
Wegmarkierungen in diesem dreidimensionalen Modell zu navigieren, bzw.
demjenigen, der sich darin verloren hat, entweder im Modell oder in der
Wirklichkeit, die geeigneten Ratschläge zu geben, wie er sich
wieder zurechtfindet.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Kognitionswissenschaftler, dieser Schluß liegt nahe, erforschen das
menschliche Bewußtsein, also auch, um mit diesem Wissen, die
elektronische Datenverarbeitung noch leistungsfähiger zu machen.
Psychologieprofessor Johannes Engelkamp will das so allerdings nicht
gelten lassen.
- Johannes Engelkamp.
-
Ein Rechner bringt eine menschliche Leistung, wenn er etwa denselben
Text produziert, formuliert, etwa bei der Beantwortung einer Frage, wie
ein Mensch, und wenn man diese beiden Produkte, nämlich das, was der
Mensch produziert und was der Rechner produziert, nicht unterscheidet,
dann sind viele zufrieden und sprechen dem Rechner Intelligenz zu. Es
ist aber kein Zweifel, daß der Unterschied zwischen Mensch und Rechner
bleibt, der Mensch erbringt die Leistung natürlich völlig anders als der
Rechner. Und hier sollte man klar die Unterschiede sehen, und nicht
versuchen, mit einem Handstrich die Dinge allzu schnell gleich zu
machen.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Interdisziplinarität. Ein Psychologe sieht die Forschungswelt eben
anders als ein Computerlinguist, oder Informatikwissenschaftler. Die
Studierenden am Saarbrücker Graduiertenkolleg profitieren von diesen
kleinen Expertenauseinandersetzungen, wie die 28jährige Doris Dehn aus
Bonn bestätigt.
- Doris Dehn:
-
Ein großer Vorteil des Graduiertenkollegs ist, daß ich nicht isoliert an
meiner Promotion arbeite, daß ich mit Leuten aus anderen Fachbereichen
zusammenkomme, und man wird durch ein Studium ja schon in eine ganz
bestimmte Richtung hin sozialisiert, und dann ist es schon interessant
zu sehen, daß andere Leute Probleme anders angehen.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Nach höchstens drei Jahren haben die Studenten am Graduiertenkolleg
ihren Doktortitel in der Tasche, und dann, meint Professor Hans
Uszkoreit, auch allerbeste Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
- Hans Uszkoreit:
-
Die meisten der Doktoranden werden wohl später in die Wissenschaft
gehen, ganz besonders in Bereiche, in denen die fachübergreifende
Ausbildung eine Rolle spielt. Einige könnten aber auch durchaus in die
informationsverarbeitende Industrie oder in andere Firmen gehen.
- Thomas Biemesdörfer:
-
Und schon während ihrer Ausbildung müssen die Kollegiaten nicht am
Hungertuch nagen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zahlt ihnen ein
Stipendium von monatlich maximal 2640 Mark, netto.