Praktikumsberichte · 2004-10-28 · Regine Bader

Regine Bader

Kontakt
Dauer 8.2004 -10.2004
Firma Universität Ulm, Medizinische Informatik
Adresse Universität Ulm
Medizinische Fakultät
Sektion Informatik in der Psychotherapie
Am Hochsträß 8
89081 Ulm
Deutschland

Praktikum in der Sektion Informatik in der Psychotherapie an der Universität Ulm im Sommer 2004

Beschreibung des Praktikums

Da ich mir nicht vorstellen konnte, mich für sechs Wochen mit Sprachtechnologie zu beschäftigen, hatte ich mich für ein Praktikum bei Prof. Mergenthaler in der Sektion Informatik in der Psychotherapie (SIP) an der Universität Ulm entschieden.

Die Erforschung psychotherapeutischer Prozesse an Hand von computergestützten linguistischen Analysen von Psychotherapiegesprächen steht im Mittelpunkt der Arbeiten an der Sektion. Gemessen werden die positive und negative emotionale Tönung, das Ausmaß an Abstraktion und der narrative Stil in den untersuchten Gesprächen. Die Ergebnisse werden mit dem therapeutischen Zyklusmodell (TZM) verglichen, einer theoretisch abgeleiteten Idealvorstellung vom psychotherapeutischen Prozeß bei der auch neuere Erkenntnisse aus der experimentellen Psychologie als auch den Kognitions- und Neurowissenschaften berücksichtigt werden.

Gesammelt sind die für Untersuchungen zur Verfügung stehenden Transkripte von Psychotherapien in der Ulmer Textbank, die über das weltweit größte Computerarchiv mit Psychotherapie-Texten verfügt. Vielfach sind auch Ton- und Videoaufnahmen vorhanden. Zur Auswertung des Materials wurden zahlreiche Methoden entwickelt oder aus benachbarten wissenschaftlichen Disziplinen - wie der Computerlinguistik - übernommen. Der Zugriff auf die Auswertungsverfahren erfolgt über menüorientierte Benutzerschnittstellen und setzt fast keine Computerkenntnisse vom Benutzer voraus. Als Hardware steht ein Netz von Macintosh-Computern mit Zugriff auf einen leistungsfähigen Abteilungsrechner zur Verfügung.

Um mit dem System, der Arbeit in der Abteilung und dem TZM vertraut zu werden, habe ich mich zu Beginn erst mal mit der Auswertung einiger Therapieverläufe und einzelner Therapiesitzungen beschäftigt. Auf diese Weise konnte ich lernen, wie man mit den speziellen Programmen umgeht und wie sie arbeiten, was dann auch in meiner Hauptaufgabe während des Praktikums sehr wichtig war.

In den Wörterbüchern, die die abstrakten und emotionalen Wörter enthalten, sind bisher alle Wörter, die auch eine nicht abstrakte bzw. nicht emotionale Bedeutung haben können, als solche gekennzeichnet. Bei kleineren Texten, z.B. einzelne Sitzungen, werden sie bisher von Hand disambiguiert, so dass das Auswertungsprogramm nur die Wörter mitzählt, die tatsächlich abstrakt bzw. emotional sind. In größeren Texten allerdings ist dies zu aufwendig, insbesondere bei häufigen Wortformen, und so hatten ein Praktikant aus der Informatik und ich die Aufgabe, ein Programm zu entwickeln, das disambiguieren kann. Wir beschränkten uns dabei für den Anfang auf Emotionswörter.

Mein Teil der Arbeit war, die Wörter danach einzuteilen, ob es sich lohnt, Regeln zur Disambiguierung zu suchen. Einige fielen raus, da sie wie z.B. Arme (Gliedmaßen oder abgeleitet von arm) nur sehr selten vorkommen. Für andere wiederum lohnt es sich nicht, Regeln zu erstellen, da es sogar im manuellen Verfahren meist schwer ist, zu entscheiden, ob emotionaler Bedeutung oder nicht. Ein Beispiel hierfür ist das Wort zusammen. Für das Wort gut aber war es sogar möglich, Regeln auf der Wortformenebene zu finden, ohne syntaktische oder morphologische Information einbeziehen zu müssen. Die Ausarbeitung der Regeln war trotzdem sehr aufwendig und erforderte die Analyse sehr vieler Beispiele und wiederholtes Testen.

Da bei anderen Wörtern zumindest Wortarteninformation für die Regeln wichtig wäre, kümmerte ich mich noch um einen POS-Tagger, den wir zwar noch installierten, die Zeit aber nur noch dazu reichte, die anderen Mitarbeiter mit dem Programm vertraut zu machen. Leider konnte ich ihn nicht mehr dazu nutzen, um Disambiguierungsregeln zu erstellen.

Außerdem konnte ich mein Wissen über die Computerprogramme in der Sektion dazu nutzen, einer Doktorantin bei der graphischen Aufbereitung ihrer Daten zu helfen.

Alles in Allem habe ich doch einiges gelernt, hatte Spaß und bin mit allen Mitarbeitern gut ausgekommen. Ich fand es interessant, auch mal einen ganz anderen Bereich zu sehen, in dem computerlinguistisches Wissen genutzt werden kann.