Praktikumsberichte · 1998-06-17 · Alexander Koller

Alexander Koller

Kontakt
Dauer 02.03.1998 - 17.04.1998
Firma SRI International
Adresse Suite 23, Miller's Yard
Mill Lane
Cambridge CB2 1RQ
England

Kurzbeschreibung der Arbeit

Verbesserung der Koreferenz-Resolution des Information-Extraction-Systems HIGHLIGHT. Dazu Annotation eines kleinen Teils des Wall Street Journal-Korpus und Evaluation des existierenden Systems. Adaption und Implementierung eines Algorithmus zur Resolution von Pronomina.

Beschreibung des Praktikums

Ich habe das Praktikum äußerst kurzfristig bekommen; erst ca. zwei Wochen vor Beginn habe ich auf Vermittlung von Prof. Pinkal mit SRI Kontakt aufgenommen. Das hatte den Nachteil, daß die Leute bei SRI, mit denen ich am engsten zusammengearbeitet habe, eigentlich sehr mit anderen Dingen beschäftigt waren und ich an einigen Stellen auf Änderungen im System warten mußte. Außerdem hatte ich teilweise keinen eigenen Arbeitsplatz, sondern mußte eben einen freien Computer suchen.

Ebenfalls durch die kurzfristige Planung bedingt konnte SRI mir nichts bezahlen; dafür muß man nämlich einem Projekt zugeordnet sein. Immerhin übernahm die Firma die Reisekosten und die Unterkunft und konnte mir sogar ein Zimmer in einem College vermitteln. Colleges sind eine besondere Einrichtung von Cambridge und Oxford; das sind im wesentlichen Wohnheime mit angeschlossener Mensa, in denen Studenten und einige Dozenten wohnen. Jeder Student an diesen Universitäten muß in einem College wohnen. Wolfson College, wo ich untergebracht war, liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums und beherbergt fast nur graduate students (die schon ihren ersten Abschluß haben und jetzt auf Master oder Promotion studieren); insofern ist die Altersstruktur ähnlicher zum typischen deutschen Studenten im Hauptstudium als in anderen Colleges. Man kann im Speisesaal drei warme Mahlzeiten am Tag bekommen, wenn man bereit ist, die 2-4 Pfund pro Mahlzeit hinzulegen und sich damit abzufinden, daß Engländer offenbar tatsächlich nur Hähnchen und Fish & Chips gut kochen können. (Alternativ dazu hat man auch Zugang zu Kühlschrank und Küche, kann sich also selbst versorgen.) Das College hat in der Mehrzahl der Zimmer einen Ethernet-Anschluß und ein Telefon, auf dem man angerufen werden kann; man ist also nicht ganz aus der Welt.

Cambridge ist eine eindrucksvolle Stadt. Selbst wenn man nicht im College wohnt: Zumindest im (älteren) Westteil der Stadt kann man sich der Gegenwart der Universität kaum entziehen. Wenn man seinen Namen angeben muß, wird man gefragt, ob man "Mr." oder "Dr." ist, und man hat manchmal das Gefühl, daß die Bevölkerung aus 20.000 Studenten und 80.000 Zulieferern besteht - ganz anders also als in Saarbrücken. Vom Nachtleben außerhalb des College habe ich nicht sehr viel mitbekommen, weil ich abends normalerweise keine Lust hatte, nochmal in die Stadt zu laufen (gegen Ende des Praktikums bin ich dann doch zum Schluß gekommen, daß es sinnvoll gewesen wäre, ein Fahrrad zu mieten; der öffentliche Nahverkehr ist zu vernachlässigen), aber ich war ungefähr in so vielen Konzerten wie im halben Jahr davor in Saarbrücken. Das Wetter war während meines Aufenthaltes sehr englisch; nur an einem einzigen Tag war den ganzen Tag schönes Wetter.

Die Arbeit an sich war nicht wirklich aufregend. Ein großer Teil davon bestand darin, einen Korpus zu annotieren, und für die Tools zur Vorformatierung der Texte, die ich in C geschrieben habe, hätte ich wohl besser awk gekonnt. Immerhin hat sich niemand daran gestört, wenn ich mir die Arbeitszeit ziemlich frei eingeteilt habe. Was mir besonders gut gefallen hat, war die Gelegenheit, mit Stephen Pulman und David Milward zu diskutieren; beide sind ziemlich gute Computerlinguisten, die eine etwas andere Perspektive auf das Fach haben, als ein Saarbrücker Student ohne Auslandserfahrung gewöhnt ist. Davon mal abgesehen waren alle Leute bei SRI schrecklich nett, sobald ich mich an das britische Englisch gewöhnt hatte.

Insgesamt war das Praktikum eine wertvolle Erfahrung; ich kann SRI nur wärmstens weiterempfehlen. Am besten geht man während der englischen term breaks hin, die zumindest im Frühjahr ungefähr mit unseren Semesterferien zusammenfallen, weil dann Plätze in Colleges frei sind, und das sollte man sich eigentlich nicht entgehen lassen. Hilfreiche Informationen über Cambridge findet Ihr hier. Packt warme Sachen ein; offenbar erkältet man sich prinzipiell, wenn man das erste Mal nach Cambridge kommt. :)