Younghi Pagh-Paan: "Das Eigene und das Fremde" - Eine Komponistin im Spannungsfeld zweier Kulturen.

Ausgangspunkt der intensiven Auseinandersetzung mit der Komponistin Younghi Pagh-Paan und ihrer spezifischen musikalischen Sprache ist ein Frauenforschungsprojekt der Universität des Saarlandes: "Musikerinnen und Komponistinnen im 19. und 20. Jahrhundert: Die Komponistin Younghi Pagh-Paan".

Younghi Pagh-Paan zählt zu den bedeutenden, international bekannten zeitgenössischen Komponistinnen. Ihre Werke erklangen bei vielen renommierten internationalen Festivals neuer Musik (Donaueschingen, Warschau, Bremen, Metz, Berlin, LaRochelle, Den Haag, Frankfurt), sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen (1978 Jurypreis beim 5. Internationalen Komponistenseminar in Boswil für MAN-NAM. 1979 Auszeichnung von MAN-NAM mit dem 1. Preis im International Rostrum of Composers (UNESCO), Paris. 1979 Nan-Pa-Musikpreis in Korea. 1980 Auszeichnung der Komposition SORI für Orchester mit dem 1. Preis der Stadt Stuttgart. 1980-81 Stipendiatin der Heinrich-Strobel-Stiftung. 1985 Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg).

Younghi Pagh-Paan wurde 1945 in Korea geboren, studierte dort Klavier, Musiktheorie und Komposition und war bis 1974 Assistentin für Musiktheorie und Komposition an der Seoul National University. 1974 wechselte sie in die BRD und studierte an der Musikhochschule Freiburg bei Klaus Huber, Brian Ferneyhough, Peter Förting und Edith Picht-Axenfeld. Seither lebt und arbeitet sie in der Bundesrepublik Deutschland.

Durch die Urauführung ihres Orchesterwerks SORI bei den Donaueschinger Musiktagen 1980 ist ihr Name international bekannt geworden. Die Literatur zu den Werken Younghi Pagh-Paans besteht - wie bei vielen zeitgnössischen Komponistinnen - größtenteils aus kleineren Beiträgen in Programmheften (Interviews, sog. Porträts, Äußerungen der Komponistin), die anlaßgebunden Informationen zu den einzelnen Konzerten geben. Eine eingehendere wissenschaftliche Untersuchung ihrer Kompositionen steht noch aus.

Im Rahmen des Forschungsprojektes soll schwerpunktmäßig einerseits der Kompositionsprozeß, andererseits der spezifische Kompositionsstil, die musikalische Sprache, von Younghi Pagh-Paan wissenschaftlich erörtert werden, was durch die folgenden beiden Zitate beispielhaft verdeutlicht werden kann:

"Ich brauche ein [...] Gerüst, an dem ich viel arbeite, weil ich mich dann viel sicherer fühle und schließlich freier arbeiten kann. Das heißt, ich kann und will nicht in einen total freien Raum einfach hineintreten. Frei aus dem Augenblick heraus komponiere ich nie, ich mache immer Vorarbeit. Kann ich sagen, daß ich immer ein Fleißarbeiter bin, wenn ich komponiere?"

"Ohne Zweifel ich stehe erst am Anfang einer Entwicklung, deren Ufer ich noch nicht absehen kann. Ich möchte mich aber auf eines verlassen können: Daß ich keine Musik schreiben werde, die mich von dem entfernt, was mir als Wurzel unserer Kultur bis heute innewohnt."

Die Kompositionsskizze zu SORI (1979/80) bspw. gleicht weniger einer Notenschrift, als vielmehr einer graphischen Darstellungsformen entlehnten Zeichung, in der spezifische Klangeigenschaften (Klangdichte, -höhe, Zäsuren) in Feldern angedeutet sind. Durch die Analyse der Skizzen und Entwürfe soll der Übergang vom visuellen Entwurf zur klingenden Partitur im Werk Younghi Pagh-Paans verdeutlicht werden. Hier ist vor allem zu fragen, wie die Verwandlung primär visueller Parameter (wie Fläche, Linie) in musikalische Parameter (Tonhöhe und Dauer) geschieht, und welche Konsequenzen dieser Prozeß für das klangliche Ergebnis der Komposition hat. Es soll an ausgewählten Kompositionen und Skizzen dieser Transformationsprozeß verdeutlicht werden, um somit einen Einblick in den Kompositionsprozeß Younghi Pagh-Paans zu liefern.

Wie gestaltet sich nun die musikalische Sprache Younghi Pagh-Paans?
Eklatant für ihren kompositorischen Stil ist das Bestreben einer Symbiose zweier Kulturen, der koreanischen und der westlichen Kultur. Beispielhaft dafür steht die Komposition PYON-KYONG (1982) für Klavier und Schlagzeug. Der mit dem Titel assozierten Klangfarbe der Klingsteine, einem traditionellen koreanischen Schlaginstrument, versucht Younghi Pagh-Paan durch Übetragung auf einen europäischen Konzertflügel zu entsprechen. Basierend auf traditioneller koreanischer Klangfarbengestaltung (materialbezogene Klangfarbengestaltung) erweitert sie die Klangfarbe der Komposition durch ein Schlaginstrumentarium, wobei im Zusammenklang eben jene acht koreanischen materialbezogenen Stufen des Instrumentalklanges, Metall - Stein - Seide - Bambus - Tonerde - Kürbis - Fell - Holz, entstehen. Ähnliche Assimilationen in Bezug auf die Formgebung, Melodiebildung, Harmonik und die rhythmische Gestaltung ihrer Kompositionen sind typisch für die musikalische Sprache Younghi Pagh-Paans. Darüber hinaus spiegelt sich in allen Kompositionen eine sozio-politische Aufarbeitung des Spannungsverhältnisses beider Kulturen, dem auch Younghi Pagh-Paan unterliegt, wider, so z.B. in der Komposition Hwang-To (1988/89). Die den Kompositionsstil prägende Symbiose zwischen der koreanischen und europäischen Kultur soll an ausgewählten Kompositionen beispielhaft verdeutlicht werden.

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© by C.M.Zey, 1999.