Musik-Lexikographie im 18. Jahrhundert

Einleitung

Brossard, Sébastien de (1655-1730)
Dictionaire de musique, Paris 1703

Walther, Johann Gottfried (1684-1748)
Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec,
Leipzig 1732

Grassineau, James (~1715-1767)
A Musical Dictionary of Terms, London 1740

Mattheson, Johann (1681-1764)
Grundlage einer Ehren-Pforte, Hamburg 1740

Rousseau, Jean Jacques (1712-1778)
Dictionnaire de musique, Genf 1767, Paris 1768

Sulzer, Johann Georg (1720-1779)
Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Leipzig 1772-74

Kleinere Lexika um 1790

Gerber, Ernst Ludwig (1746-1819)
Historisch-biographisches Lexicon der Tonkünstler
Leipzig 1790-92

Koch, Heinrich Christoph (1749-1816)
Musikalisches Lexikon, Frankfurt a. M. 1802

Zusammenfassung

Quellen

Einleitung

 

Das 18. Jahrhundert ist in der wissenschaftlichen Betrachtung von Musik geprägt von einem grundlegenden Begriffswandel: das seit der Antike unumschränkt gültige Lehrgebäude der "Septem Artes Liberales" beginnt zu zerfallen, aus seinen Pfeilern entstehen selbständige Wissenschaften und Künste. Diese umwälzende Entwicklung spiegelt sich auch in dem sich gerade erst etablierenden Zweig der Musik-Lexikographie wieder.

Der Prozeß geht langsam vor sich, die Abkehr scheint mühevoll. Auch in den Dokumenten, die bereits ganz selbstverständlich mit dem neuen Wesen der Musik als "Ausdruck von Empfindungen" umgehen, wird nicht gewagt, das alte Begriffssystem als endgültig überwunden anzusehen. Koch, als spätester der hier besprochenen Autoren, verweist noch im Jahre 1802 auf die "Eintheilungen der Musik der ältern Tonlehrer", will sie aber seinen Lesern nicht mehr zumuten (Sp. 1012, vgl. S. 17 dieses Artikels).

Die vorliegende Arbeit bietet eine kurze tabellarische Übersicht über die im 18. Jahrhundert erschienenen Nachschlagewerke zur Musik in chronologischer Folge.

Die Beschreibungen der Lexika sind einheitlich gegliedert: Verfasser und vollständiger Titel, ggf. weitere Auflagen und Nachdruck, musikalisches Umfeld im Erscheinungsjahr, Kurzinformation zum Verfasser, Informationen zum Inhalt. Um eine Vergleichbarkeit der einzelnen Lexika zu erreichen, wurden das Stichwort "Musik" und, soweit vorhanden, der Personenartikel "Heinrich Schütz" als repräsentative Beispiele gewählt.

Die Signaturen "LA .." beziehen sich auf die in der Bibliothek des musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Würzburg vorhandenen Nachdrucke.

Brossard, Sébastien de (1655-1730) LA 3

Dictionaire de musique, CONTENANT UNE EXPLICATION Des Termes Grecs, Latins, Italiens, & Francois les plus usitez dans la Musique. Paris 1703
21705, 3-5Amsterdam o.J. mit Zusätzen, 6Amsterdam o.J.,
teilweise von Grassineau (1740) verwendet und ins Englische übersetzt.

Nachdruck der Erstausgabe, Amsterdam 1964 (Antiqua).

Musikalisches Umfeld 1703: Bach von Weimar nach Arnstadt, Händel nach Hamburg.

Komponist, Musikschriftsteller, Geistlicher, Vikar und Kapellmeister (Autodidakt) am Straßburger Münster, danach in Meaux. Wertvolle, berühmte Bibliothek. Er vermachte sie der kgl. Bibliothek (heute Pariser Nationalbibliothek), um eine Rente für sich und seine Schwester zu bekommen und legte selbst einen Katalog nach einer "äußerst klugen Methode" (MGG 2, Sp. 336) an.

Das Lexikon gliedert sich in

64 Seiten (> DIN A 4) systematischer Teil mit Notenbeispielen, nicht lexikalisch knapp, sondern meist weiter ausgreifende Abhandlungen (wichtige Aufschlüsse für Geschichte der Musikpraxis, enthält Komponisten, Musiktheorie);

24 S. Begriffsübersetzungen aus dem Französischen in "internationale" Begriffe (meist italienisch), Verweise auf Artikel, innerhalb derer Stichwörter erklärt werden, Berichtigungen, Abkürzungen;

7 Seiten Erklärung italienischer Aussprache, besonders für Sänger, mit Zusammenfassung;

10 Seiten Katalog von Musikgelehrten, die über Musik geschrieben haben ("catalogue de plus de 900 auteurs qui ont écrit sur la musique").

In seiner Ankündigung des "Catalogue" zeichnet Brossard ein "Zukunftsbild der Aufgaben einer späteren Musikwissenschaft" (MGG 2, Sp. 337): "... un Catalogue historique & raisonné, dans lequel on puisse trouver ... les Noms ... de ces Illustres (musiciens); leurs Vies, leur Siècle, leurs principaux Emplois ... les Titres de leurs Ouvrages; ... les Lieux, les Années, les Imprimeurs, & la forme de ces éditions, les lieux meme, c'est à dire les Cabinets & les Bibliothéques, ou on les peut trouver" (Vorwort zum "Catalogue", in MGG orthographisch ungenau zitiert).

Artikel "Musik":
Der Artikel erklärt Musik als Teil der Septem Artes Liberales: rund 50 Begriffe, die verschiedene Zuordnungen von Musik bezeichnen, z. B. Musica Chorale, Musica Drammatica, Musica Speculativa, Musica Mondana (Bezug zur Sphärenharmonie).
Das Beispiel "Musica moderna" sei hier gekürzt wiedergegeben: "... la Musique veritablement Moderne, est celle depuis environ 50. à 60. ans qu'on a commencé à la perfectionner, & à la rendre plus gaye, plus expressive, & mieux apliquée aux sillabes longues ou breves du Texte." (seit 50 bis 60 Jahren; man hat begonnen, sie zu perfektionieren, sie wurde heiterer, ausdrucksvoller und ist den Silben des Textes besser angepaßt.)
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Walther, Johann Gottfried (1684-1748) LA 5

Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec Leipzig 1732
(Vorabdruck des Buchstaben A, Erfurt 1728, mit dem Ziel, weitere Informationen zu erhalten).
668 Seiten, 22 Seiten Notenanhang (ausklappbar).

Nachdruck Kassel und Basel, 1953 (Bärenreiter).

Musikalisches Umfeld um 1732: Händels Oratorienkonzerte beginnen in London, Bachs Matthäus-Passion 1729, Haydn geboren.

Komponist, Musiktheoretiker und -lexigraph, Organist, mit J. S. Bach befreundet (und im 2. Grad verwandt), Autobiographie in Matthesons "Ehren-Pforte".

Erstes deutschsprachiges Musiklexikon und das erste überhaupt, das Biographien und Begriffe vereint.

Über 3000 Begriffe, 200 Komponisten, 250 Quellen (wichtigste ist Mattheson mit über 200 Verweisen).

Die "unerschöpfliche Quelle" (Grove) basiert auf Brossard: Walther revidiert und erweitert die Sachartikel und baut den "Catalogue" zu Personenartikeln aus. Einer der längsten Artikel, umfangreicher als die über Bach und Händel, ist Mattheson gewidmet.

Die Materialsammlung besorgte Walther hauptsächlich durch Anfragen bei lebenden Musikern. Dadurch gewinnt das Werk einen besonders hohen Quellenwert. Er wertete auch seine eigene, umfangreiche Bibliothek aus und richtete Anfragen an auswärtige Bibliotheken.

Im Vorwort gibt Walther seine Quellen an: Brossards Catalogue als Anregung, einen solchen mit Erläuterungen herauszugeben, Printz, Historische Beschreibung der Edelen Sing= und Kling=Kunst und lebende Musiker und Gelehrte. Er fordert seine Leser auf, Ergänzungen einzusenden und bittet um Verständnis für übersehene Druckfehler. Korrekturen mögen "in gebührenden Grenzen ... und Bescheidenheit" (Ende des Vorworts) angebracht werden - ein schönes Beispiel dafür, wie unmittelbar der Verfasser den Kontakt zu seinen Lesern sieht.

Artikel Musik:
Musica "bedeutet überhaupt die Ton = Kunst, d. i. die Wissenschafft wohl zu singen, zu spielen, und zu componiren" (S. 430). Die "beste Derivation" des Wortes seien die Musen, deren Bedeutung für die freien Künste Walther beschreibt. Anschließend übersetzt er die meisten von Brossards Begriffen (im Sinne der Artes liberales), bis hin zur Angabe "50-60 Jahre" bei moderner Musik (s. o.) und dem Hinweis, man solle unter dem Artikel Brossard nachsehen, wann sein Lexikon erschienen sei, "und von da an die Rechnung zurück anstellen" (S. 433).

Artikel Schütz (1½ Seiten:)
Der Lebenslauf wird im Erzählstil gebracht mit Erwähnung der wichtigsten Kompositionen und einem Verzeichnis der gedruckten Werke (Jahr, Ort, Format).

Musik gehört für Walther noch zu den Artes liberales, die Anschauung wandelt sich aber in dieser Zeit zu den "Schönen Künsten". Dadurch ist die hier dargestellte Fachsprache schon bald nicht mehr angemessen. Aus diesem Grunde wurde die 1739 druckreif fertiggestellte 2., erweiterte Auflage nicht mehr veröffentlicht. Die biographischen Artikel und handschriftlichen Ergänzungen für die 2. Auflage bildeten die Grundlage für Gerber.

Als "Kurzgefaßtes Musikalisches Lexikon" für "die Liebhaber musicalischen Wissenschaften" (431 Seiten, ohne etymologische und Literaturangaben) erschien 1737 ein "verstümmelter Auszug aus Walthers Werke" (Sulzer, S. 482), in MGG (Bd. 8, Sp. 690) als "fehlerhaft gekürzte Bearbeitung" bezeichnet. (Nachdruck in der UB Würzburg, Signatur 75.7338)
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Grassineau, James (um 1715-1767)

A Musical Dictionary of Terms London 1740
21769 hrsg. v. J. Robson mit einem Anhang (übersetzte Ausschnitte aus Brossards "Dictionaire"), 31784 erw. v. J. C. Heck, hrsg. v. T. Williams.

Nachdruck der Erstausgabe, New York 1966.

Musikalisches Umfeld 1740: C. P. E. Bach zu Friedrich II. berufen, 1739 Matthesons "Der vollkommene Kapellmeister".

Engl. Musikschriftsteller französischer Herkunft, Sekretär bei Pepusch, Studien über antike Musik. "Grassineau was fluent in French, understood Latin and knew ‚a little‘ music" (Grove).

Erstes Musiklexikon in englischer Sprache. Offenbar ohne Quellenangabe herausgegeben, bezeichnet es Burney als bloße Übersetzung von Brossard. Es ist jedoch aus anderen Quellen erweitert (bes. antike Musik, lt. Grove). MGG: "Irreführung", "nur eine einzige alphabetische Liste der musikalischen Ausdrücke und ein kurzes Verzeichnis der zitierten Namen" (Band 2, Sp. 335, Artikel Brossard, in MGG kein eigener Artikel über Grassineau).
Die widersprüchlichen Informationen lassen keine genaueren Aussagen über den Inhalt des Lexikons zu.
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Mattheson, Johann (1681-1764) Tma 127

Grundlage einer Ehren-Pforte Hamburg 1740

Nachdruck Berlin 1910, Hrsg. Max Schneider.
Zur Editionstechnik des Nachdrucks: Neusatz, Seiten, Zeilen, Silben dem Original entsprechend, ohne "Errata" - Liste, die eingearbeitet wurde, dazu Hinweis auf neue Druckfehler. Im Anhang Abdruck der handschriftlichen Ergänzungen Matthesons aus dessen Handexemplar.

Musikalisches Umfeld 1740: s. Grassineau.

Musiktheoretiker, Sänger, Komponist, Dirigent;
Hauptwerke "Der Vollkommene Capellmeister" und "Ehren-Pforte"; umfangreiche weitere Schriften (über 100 Werke).

Gliederung: "Vorbericht", am Ende vier Huldigungsgedichte auf Mattheson (Gerh. Henn. Stielero, I. V. C., Steindorf, Ober-Cantor in Zwickau, Fischer, Cantor in Plön), Hauptteil (nur Personenartikel) mit "Zugabe" 428 Seiten, Anhang 51 Seiten mit weiterem Huldigungsgedicht.

Das Werk enthält 149 Biographien, die bei Zeitgenossen vielfach auf Korrespondenz beruhen und damit Informationen aus erster Hand bieten. Fertige Autobiographien erhielt Mattheson z. B. von J. P. Krieger, Kuhnau, Mizler, Printz, Scheibe, Telemann und J. G. Walther. Durch diese hohe Authentizität wurde die Ehren-Pforte Quelle für viele spätere Darstellungen (Grove).

Der Artikel Schütz (S. 322 f) berichtet im wesentlichen nur über sein Lebensende: Bestellung der Komposition seines Leichentextes bei Christoph Bernhard durch Schütz selbst und Hinweis auf die Leichenpredigt von Martin Geier. "Das übrige von ihm stehet im waltherschen Lexico."
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Rousseau, Jean Jacques (1712-1778) LA 11

Dictionnaire de musique Genf 1767, Paris 1768
Pariser Ausgaben 1775, 1791, 1801, 1825, Amsterdam 1768, Genf 21791, London 1770, 1776, engl. Übers. 2. Aufl. London 1779.

Nachdruck Hildesheim 1965 (Olms).
LA 11 Ausgabe von 1775 (Original, kein Nachdruck).

Musikalisches Umfeld 1767: Telemann gest. in Hamburg, Nachfolger C. Ph. E. Bach, Glucks "Alceste".

Keine Personen-Artikel; "unersetzliche Fundgrube" für die Aufführungspraxis der frz. und ital. Musik. Viele "klassische" Definitionen. Ästhetische und kritische Artikel von Rousseaus Parteinahme im Buffonisten-Streit geprägt (frz. Sprache für Oper nicht geeignet) (vgl. Grove, MGG).

Artikel Musik:
Musik wird definiert als "Art de combiner les Sons d'une maniere agréable à l'oreille". Rousseau unterscheidet "Musique théorique ou spéculative" und "Musique pratique" und setzt sich ausführlich mit den Schriften der Antike auseinander.
In den einteilenden Stichworten zur Musik findet sich noch die Tradition der "Freien Künste", jedoch scheint in der anfänglichen Definition "agréable à l'oreille" bereits die neue Ästhetik durch.
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Sulzer, Johann Georg (1720-1779) LA 12

Allgemeine Theorie der Schönen Künste (2 Teile) Leipzig 1771-74
(falsche Angabe "1772" bei Oehl/Pfarr, S. 20)
21777-79 Leipzig, 4 Bd., spätere Aufl. 1786-87, 1792-94, Registerband 1799
Zusätze von Chr. Fr. v. Blankenburg zur 2. Auflage separat in drei Bänden erschienen (Leipzig 1796-98), acht Bände Nachträge von J. G. Dyk und G. Schatz, Leipzig 1792-1808.

Nachdruck der Ausgabe 1792-94/99: Hildesheim 1967-70 (Olms).

Musikalisches Umfeld 1772-74: Erste Aufführung des Messias in Deutschland; Haydn, Abschiedssinfonie, Sonnenquartette op. 20; 1774 Glucks frz. Reformoper "Iphgenie in Aulis".

Schweizer Ästhetiker, Vikar, Mathematiker.

Keine Personen-Artikel, Autoren-Register im Registerband;
Alle "Schönen Künste" sind berücksichtigt: "Baukunst, Bildhauerkunst, Mahlerey, zeichnende Kunst, Dichtkunst, Musik, Redekunst, Beredsamkeit, Schauspiel".

Anregungen erhielt der Autor durch M. Lacombes "Dictionnaire portatif des beaux arts". Sulzer stellt die Ästhetik in Form eines Lexikons mit alphabetisch geordneten Einzelartikeln dar. Seine Grundposition läßt sich so beschreiben: Die schönen Künste sollen der Natur darin nachstreben, daß sie den Menschen durch den Reiz angenehmer Empfindungen zum Guten erziehen. Beispielsweise ist gleich am Anfang die Rede von "Herz", "leidenschaftliche Empfindung". Musik ist die erste der schönen Künste, Gesang steht über der Instrumentalmusik.

Die Musikartikel stammen von J. Ph. Kirnberger und J. A. P. Schulz (Riemann, MGG).

In den ästhetischen Ansichten ist Sulzer beeinflußt von Dubos, Batteux, Lord Kames, J. A. Schlegel und A. G. Baumgarten. Beim Erscheinen inhaltlich teilweise schon überholt, wird das Werk von Herder und Goethe kritisiert. Auch die alphabetische Anlage behindert öfter die Systematik: Fachausdrücke und ästhetische Begriffe werden immer bei ihrer Nennung erklärt, was zu Wiederholungen und Widersprüchen führt. Trotzdem beeinflußt das Werk z. B. Koch (Grove, MGG).

Ein lebensnahes Bild von Sulzers Sichtweise zeichnet der Artikel "Mühsam / (Schöne Künste.)" (S. 420), der hier in einigen Auszügen wiedergegeben sei:
"... Unvollkommenheit, aus welcher man merken kann, daß dem Künstler die Arbeit sauer geworden ist." "Wer das Mühsame vermeiden will, muß sich hüten, ohne Feuer, ohne Lust, oder gar aus Zwang zu arbeiten: er muß die Feder, oder den Pinsel weglegen, sobald er merkt, daß die Gedanken nicht mehr frey fließen". "Von den Mitteln sich in das nöthige Feuer der Arbeit zu setzen, wodurch man das Mühsame vermeidet, ist anderswo (im Artikel ‚Begeisterung‘) gesprochen worden."

Artikel Musik (S. 421):
61 Seiten, davon 42 Seiten "Schriften über die Musik" seit der Antike (S. 439 ff).

Gliederung der "Schriften über die Musik" (die originale Orthographie ist beibehalten, durch "--" abgeteilte Untertitel nur in Auswahl):

Schriften der Alten über die Musik: Griechen (439), Römer (440), Musik der Alten überhaupt (441) -- Über die Kenntnis der Alten von der vielstimmigen Musik (443), Von der Musik der Hebräer (446), Von der Musik einiger andern, alten Völker, als der Aegypter (449), Schriften über Musik, aus dem Mittelalter (449), Schriften über die theoretische Musik von Neuern (454), Schriften von Mathematikern, worin die Musik, als ein Theil der Mathematik betrachtet wird (457), Von der practischen Musik überhaupt (458), Vermischte Schriften von der theoretischen und practischen Musik zugleich (463), Von den Grundsätzen der Musik überhaupt (464), Ueber das musikalische Genie (465), Ueber die Verbindung der Musik mit den Wissenschaften (465), Ueber Verbindung und Aehnlichkeit der Musik mit Poesie und Sprache (465), Aehnlichkeit und Vergleichung der Musik mit Mahlerey (465), Ueber Verbindung der Musik mit dem Tanze (466), Ueber Nutzen und Wirkung der Musik überhaupt (466), Von dem Werthe und der Schönheit der Musik (468), Von dem Ursprung und der Erfindung der Musik (470), Von der Geschichte der Musik überhaupt (470) -- Ueber die Geschichte der Musik bei einzeln, noch bestehenden Völkern (472), Lebensbeschreibungen von Tonkünstlern und Musikgelehrten (475), Historisch kritische Zeitschriften (477), Einzele kritische Schriften (478), -- Musikalische Streitschriften (479), Musikalische Schriften allgemeinen Innhaltes (480), Musikalische Wörterbücher (481), Nachrichten von musikalischen Werken (482) [z. B. Brossards Catalogue "ist aber nichts als ein Nahmenverzeichniß", Forkels Allgemeine Litteratur "Ein vollkommenes Muster seiner Art."].
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Kleinere Lexika um 1790

Die bisher beschriebenen, bedeutenden Nachschlagewerke des 18. Jahrhunderts haben einige andere Autoren zu ähnlichen Arbeiten angeregt. Die meisten dieser Werke sind heute vergessen, ihre Titel finden sich - nur kurz kommentiert - im MGG-Artikel "Lexika der Musik" (Bd. 8, Sp. 890). Die Suche nach eventuell verborgenen Perlen müßte, bei einiger Ungewißheit über die zu erwartende Ausbeute, Gegenstand einer eigenen Untersuchung sein.

In England erschienen Lexika von
J. Hoyles (1771) und T. Busbys (1786) (mit biographischen Artikeln) und
D. J. W. Callcott (1792) (terminologisch).

Das musikalische Handwörterbuch (1786) von J. G. L. Wilke (Weimar, Eisenach) enthält 412 terminologische Artikel und wird in MGG kurz mit "dilettantisch" charakterisiert.

"Für Anfänger in der Musik" (Untertitel) "brauchbar" (MGG) wird das "Kurzgefaßte musikalische Lexikon" (1787) von G. F. Wolf angesehen. Es enthält 533 terminologische Artikel und will "Walthers Lex., welches durch die Fortschritte der Musik `in der Terminologie am allerunvollständigsten' geworden sei, im Anschluß u. a. an Sulzers Theorie ersetzen" (MGG, a.a.O.).

Ein zeitgenössisches Urteil über das terminologische und biographische "Dictionnaire de Musique" von J. J. O. de Meude-Monpas (Paris 1788 nach Sulzer, in MGG und Oehl/Pfarr 1787, Nachdruck Genf 1976) findet sich bei Sulzer (S. 482): "... wodurch die Musikal. Kunst nichts gewonnen hat". MGG übernimmt diese Einschätzung mit dem Kurzkommentar "dürftig" (a.a.O.).
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Gerber, Ernst Ludwig (1746-1819) LA 13

Historisch-biographisches Lexicon der Tonkünstler, welches Nachrichten von dem Leben und Werken musikalischer Schriftsteller, berühmter Componisten, Sänger, Meister auf Instrumenten, Dilettanten, Orgel- und Instrumentenmacher enthält
Leipzig 1790-92, 2 Bände

Neues historisch-biographisches Lexicon der Tonkünstler in 4 Bänden, Leipzig 1812-1814 (keine Neuausgabe, sondern "Anhang").
Neuausgabe für 1825 angekündigt, aber nicht erschienen.

Nachdruck der Ausgaben 1790 ("altes"), 1812-14 ("neues"); jeweils 2 Bände zusammengefaßt; Supplementband mit den bis 1834 veröffentlichten Ergänzungen und handschriftlichen Berichtigungen und Nachträgen aus Gerbers Handexemplaren. Graz 1966,1969, 1977.

frz.: Dictionnaire historique des musiciens, 2 Bd., Paris 1810-11, 21817.

engl.: Dictionary of Musicians, London 1824, 21827.

Musikalisches Umfeld 1790: Haydns erste England-Reise, 12 Londoner Sinfonien, Mozart "Cosi fan tutte".

Lexikograph und Organist, beginnt früh mit lexikalischen Arbeiten, kann aber aus finanziellen Gründen keine Reisen unternehmen und ist so auf seine eigene Bibliothek - eine der größten privaten Musikbibliotheken des 18. Jhdt. mit der seines Vaters und Teilen der Bibliotheken von J. V. Eckelt und J. G. Walther (Grove) - und die Musikaliensammlung und weitere Hilfe seines Verlegers Breitkopf und Härtel angewiesen. Gerber hat seine eigene Bibliothek zu Lebzeiten an die Gesellschaft für Musikfreunde in Wien verkauft mit Nutzungsrecht bis zu seinem Tode. Wertvolle Teile der Bibliothek sind trotzdem an anderen Orten aufgetaucht.

Das Lexikon enthält nur Personenartikel und sollte die Fortsetzung des biographischen Teils von Walther sein (unter Verwendung der von Walther hinterlassenen Korrekturen), deshalb ist es nur zusammen mit diesem einigermaßen vollständig. Den Ursprung bildeten biographische Anmerkungen zu Tonkünstlerbildnissen, daher findet man eine ausführliche Liste solcher Bildnisse mit ihren Standorten im Anhang.

Durch die Veröffentlichung erhielt Gerber von vielen Seiten (z. B. von J. F. Reichardt und E. F. F. Chladny) neues Material, das er als vierbändigen "Anhang" unter dem Titel "Neues historisch-biographisches Lexicon" veröffentlichte.

Das Gesamtwerk enthält wichtiges biographisches und bibliographisches Material, das (laut MGG 4, Sp. 1781) meist nur ungenügend in jüngere Nachschlagewerke eingearbeitet wurde, deshalb auch "jetzt" (1955, Erscheinungsjahr des Bandes 4) noch eine ergiebige Quelle darstellt.

Der Artikel Schütz ist eine Kurzbiographie (Sp. 464 - 466), im "Neuen Lexicon" nur durch einen Werknachtrag ergänzt.
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Koch, Heinrich Christoph (1749-1816) LA 14

Musikalisches Lexikon, welches die theoretische und praktische Tonkunst, encyclopädisch bearbeitet, alle alten und neuen Kunstwörter erklärt, und die alten und neuen Instrumente beschrieben, enthält Frankfurt a. M. 1802
21817 Heidelberg.

Auszug daraus als "Kurzgefaßtes Handwörterbuch der Musik", Leipzig 1807, mehrere Folgeausgaben (Riemann).

Nachdruck der Erstausgabe Hildesheim 1964, 21985 (Olms).

Musikalisches Umfeld 1802: nach Beethovens 1. Sinfonie und Streichquartetten op. 18 (1800), UA Haydns Jahreszeiten (1801), Beethovens Klaviersonaten op. 31, Heiligenstädter Testament; Forkel "Über J. S. Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke".

Musikforscher, Violinist, Kammermusiker.

Das Musiklexikon soll den "durch die starken Fortschritte ganz unvollständig gewordenen technischen Inhalt" von J. G. Walthers Musiklexikon ersetzen (Beginn der Vorrede).

Keine Personenartikel, Koch beruft sich häufig auf Sulzer und übernimmt einiges von dem früheren Werk "Versuch einer Anleitung zur Komposition" (1782-93) (Grove).
Das Werk bietet ein "Hochqualifiziertes Begriffssystem ... der vor- und frühklassischen Musik- und Satzlehre", z. B. die Artikel Periodenbau, Satz, Einschnitt (Riemann Sachteil S. 516). Die Begriffe Grammatik, Rhetorik, Poetik werden rein musikalisch, nicht von der Vokalmusik her verstanden. Die Harmonielehre wird als "grammatisch", die Melodielehre als "poetisch" bezeichnet, die Melodie ist eine "Tonrede" aus "logischen Sätzen" (MGG 7, Sp. 1299).

Artikel Musik:
Die Herkunft des Wortes wird von den Musen abgeleitet, für weitere Herleitungen verweist Koch auf Walther. Musik ist "heut zu Tage die Kunst durch Töne Empfindungen auszudrücken" (Sp. 992). Die Griechen "verstanden darunter nicht bloß die Tonkunst und den Tanz, sondern zugleich die Dichtkunst, Beredsamkeit, Philosophie und Grammatik, oder alles, was nachher die Römer studia humanitatis nannten. Kurz, man bezeichnete den Inbegriff aller damals erworbenen Kenntnisse mit dem Worte Musik" (Sp. 992 f). Doch die "Absonderung der Künste und Wissenschaften wurde nothwendige Folge der steigenden Kultur und Perfektibilität der Menschheit" (Sp. 993), womit Koch die Abkehr von den Septem Artes Liberales anspricht.

Die Entwicklung der Musik beginnt mit "unartikulierten Tönen", mit denen Menschen ihre Empfindungen ausdrückten, führt über die Sprache zum Gesang - "nachdem für die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens gesorgt war". Koch bringt weitere, zum Teil abenteuerliche Spekulationen, die er mit "Dem sey nun wie ihm wolle" abschließt (Sp. 994).

Das älteste Volk mit Musik sind die "Ägyptier"; von ihnen lernen Hebräer und die Griechen, die "die merklichsten Fortschritte" (Sp. 998) machten, von diesen die Römer (Sp. 996 ff). Es folgt eine kurze Musikgeschichte über die Stationen "Pabst Gregor der Erste", "Guido aus Arezzo", "einem Deutschen aus Cölln, mit Namen Franco" bis "in der ersten Hälfte des verwichenen Jahrhunderts ... die Tonkunst mit Riesenschritten dem höhern Ziele der Vollkommenheit entgegen(ging), in der sie anjetzt ausgeübt wird" (Sp. 1004 f).
Die Musikausübung wird "oft zweckwidrig gebraucht, zum Spielzeuge bloß mechanischer Künste des Contrapunktes oder der Kehle, Finger und Zunge herab gewürdigt, und zu einem unabsichtlichen Tongeräusche gemacht" (Sp. 1006). Koch spricht über "allegorische Schriften der Alten" (z. B. die durch Musik unterstützte Erbauung der Mauern um die Stadt Megara, Sp. 1007), die Verflechtung von Musik, Staat und Individuum bei den Griechen als Ursache für die "ungleich stärkere Wirkung" und vergleicht sie mit der Funktion von "Ca ira" und dem "Marseiller = Marsch" in der "französischen Staatsumwälzung" (Sp. 1008). Ein ausführliches Forkel-Zitat "zu Gebrauch und Wirkung der modernen Musik" schließt sich an: Die "moralischen und medicinischen Wirkungen" der Musik würden "selbst noch die Wunder übertreffen, welche man von der griechischen Musik erzählt, wenn unsere Gesetzgeber einen weiseren Gebrauch von ihr zu machen wüßten ... Die Tugenden der Helden und Wohlthäter unsers Vaterlandes ... bleiben unbesungen, werden nicht durch öffentliche Feste verewigt, nicht mit Dankbarkeit in unser Andenken zurück gerufen" (Sp. 1009). Zu den "besonderen Kunstmitteln, wodurch die Musik das Vermögen erhält, Empfindungen auszudrücken", wird auf den Artikel "Leidenschaft" verwiesen. Den Abschluß bilden "die gewöhnlichen Eintheilungen der Musik" in theoretische (untergliedert in Akustik, Canonik ["mathematische Klanglehre"], Grammatik und Rhetorik [Verbindung der Töne in ganzen Tonstücken], Aesthetik) und praktische Musik (untergliedert in Setzkunst und ihre praktische Ausführung für Gesang, "Geberde" (Tanz) oder Instrumente. Nach den "gewöhnlichen Eintheilungen" referiert Koch noch andere Unterscheidungsmöglichkeiten: Choralmusik und Figuralmusik; geistliche, theatralische, Kammer- oder Concertmusik; Melodie und Harmonie. "Der Eintheilungen der Musik der ältern Tonlehrer in eine musica antica, moderna, modulatoria, didactica, conjuncta u.s.w. werden mich ohne Zweifel meine Leser sehr gerne entlassen." (Sp. 1010-1012).

Diese Schlußbemerkung zeigt deutlich, daß in der Musikanschauung die Abkehr von den "Septem Artes Liberales" und die Hinwendung zur Musik als "Schöne Kunst" inzwischen Allgemeingut geworden ist.
Zum Anfang

Zusammenfassung:

Johann Gottfried Walthers "Musicalisches Lexicon" bildet das Zentrum der Musik-Lexikographie des 18. Jahrhunderts in deutscher Sprache: Walther schöpft aus dem Fundus von Brossard und erweitert ihn wesentlich. Alle späteren Werke des Jahrhunderts verweisen oder berufen sich auf Walther. Koch schließt den Kreis und eröffnet gleichzeitig eine neue Ära im Jahre 1802 mit seinem "Musikalischen Lexikon". Mit diesem Titel und in einzelnen Formulierungen erweist er Walthers "Musicalischem Lexicon" seine Referenz und erkennt so dessen besondere Beudeutung an. Ohne es auszusprechen, würdigt er damit die 70 Jahre alte Institution als - historisches - "Jahrhundertwerk".

Quellen:

K. Oehl / K. Pfarr, Musikliteratur im Überblick,
Darmstadt 1988 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

Riemann Musiklexikon:
Personenartikel zu den Verfassern / Herausgebern,
Sachartikel "Lexika"

Die Musik in Geschichte und Gegenwart (1. Auflage)
"Lexika der Musik", Bd. 8, Sp. 685-699
Personenartikel

New Grove: Personenartikel

Arnold Schering, Tabellen zur Musikgeschichte, Wiesbaden 1962

© by Thomas Kerzel 1994


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